Kapitalismus macht behindert

Am 5. Juli 2025 findet wieder die „Disability and Mad Pride“ in Berlin statt. Wir gehen unter dem Motto „behindert und verrückt feiern bis zum Auffallen“ auf die Straße, um unsere Vielfalt sichtbar zu machen und zu feiern! Menschliche Diversität ist lebenswert und darf nicht von Profitmaximierung unterdrückt werden!

Die Unterscheidung unserer Körper in gesund oder krank, autonom fähig-sein oder unfähig-sein bzw. abhängig, entspricht der strukturellen Ausbeutungs- und Verwertungslogik des Kapitalismus. Davon sind wir alle betroffen. Der Standard von psychischer sowie physischer Gesundheit ist eine Einteilung der herrschenden kapitalistischen Klasse, die der Ausbeutung der arbeitenden Klasse dient. Er setzt bestimmte menschliche Fähigkeiten voraus, deren Nichtvorhandensein als Mangel gilt. Jeder einzelne Mensch wird von Geburt an nach seinen körperlichen, geistigen und psychischen Fähigkeiten und Funktionen beurteilt und nach ihrer Verwertbarkeit gefördert oder behindert.

Wir, als Arbeiter:innenklasse, sind gezwungen, unsere Arbeitskraft zu verkaufen. Wir sollen diese erhalten und perfektionieren. Um die Profite der Bosse zu steigern, sollen wir uns möglichst selbst um den Erhalt unserer Arbeitskraft kümmern und die Kosten dafür auch noch selbst tragen. Es erschöpft viele von uns und kann dazu führen, dass wir nicht mehr in der Lage sind, die von uns erwartete Leistung zu erbringen. Wir erkranken oder verunfallen durch die Überlastung.

Manche von uns sind von Anfang ihres Lebens nicht in der Lage, die erwarteten Standards zu erfüllen und werden ausgesondert.

Wenn wir auf Unterstützung angewiesen sind, einen Rollstuhl, eine Prothese, Assistenz brauchen, oder Therapien, vielleicht die Umgestaltung unseres Arbeitsplatzes notwendig wird, verursacht das Kosten, welche den „Ertrag“ unserer Leistung verringern. Überschreiten die Kosten der Hilfsmittel das Investitionslimit, um den geforderten Mehrwert der Arbeitsleistung zu gewährleisten, werden wir aus dem ersten Arbeitsmarkt verdrängt. Wir sind dann gezwungen, schlechtere oder kaum bezahlte Arbeit anzunehmen. In betreuten Werkstätten liegt der Lohn deutlich unter dem Mindestlohn, obwohl oft genug z. B. Autoteile sehr gewinnbringen produziert werden. Oder wir sind für den Rest unseres Lebens von Sozialhilfesystemen abhängig, wodurch wir weiter von Armut, Ausgrenzung und Isolation betroffen sind. Gegen Armutsbetroffene wird systematisch gehetzt. Wir sind dann Sanktionen und Ausgrenzung ausgeliefert. Denn es geht bei der Investition in Hilfsmittel und Unterstützung nicht darum, uns ein besseres Leben zu ermöglichen, sondern uns verwertbar zu machen, um Gewinne für die Bosse zu erzielen.

Die Sparpolitik, das Kürzen der Sozialleistungen und das Wegfallen von Unterstützungsangeboten oder Hilfeeinrichtungen gefährdet unsere Lebens- und Gesundheitssituation weiter.

Dies bedroht uns alle, auch wenn wir noch fähig sind zu arbeiten
Manchmal werden wir zu Held:innen gemacht, weil wir angeblich trotz unserer Behinderung zur Erwirtschaftung von Mehrwert fähig sind. Das soll zeigen, dass jede:r es angeblich schaffen kann. Aber das ist nicht, was wir wollen! Unser Kampf gilt nicht unseren Körpern, sondern den Bedingungen, denen wir ausgesetzt sind und gezwungen werden unsere Leistung anzupassen, um mit unserem Anderssein überleben zu können.

Deshalb solidarisieren wir uns mit dem Klassenkampf und den Streiks der Arbeiter:innen in Krankenhäusern und Psychiatrien, den Sozialarbeiter:innen im betreuten Wohnen, in der Beratung oder anderen Hilfeeinrichtungen. Ihr Kampf um bessere Arbeitsbedingungen, einen besseren Betreuungsschlüssel, mehr Kolleg:innen, mehr Freizeit, Urlaub und mehr Lohn, ist verbunden mit unserem Kampf um eine selbstbestimmte, menschenwürdige Betreuung und Unterstützung.
Wir wollen keine Almosen oder Teilhabe am kapitalistischen Ausbeutungssystem. Wir lassen uns nicht nach Nützlichkeit und Kostenfaktor spalten. Wir sind gut, wie wir sind und deshalb feiern wir uns!

Nora Refuse, Berlin

Mehr Infos unter: pride-parade.de

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