Bildungsprotest NRW Schüler:innen in Bewegung

Die Bezirks-SV1 Düsseldorf steckt tief in der Vorbereitung für eine Demonstration. Diesmal geht es nicht ums Klima, es geht um die Bedingungen an den Schulen selbst. Und das ist längst fällig: Überfüllte Klassen, schlechte und zu wenig Räume, schlechtes Essen oder gar keine Mensa, in einigen Schulen sogar Einsturzgefahr und Umzug in Container, ewige Baustellen und Lärmprobleme, dicke Luft und schlechte Hygiene …

Zu Recht fordert die Landes-SV vor allem erstmal Geld: Ein Sonderbudget von 10 Mrd. € für Bildung in NRW, das wäre ein Startschuss, um ein durch jahrzehntelange Sparpolitik faulendes Bildungswesen zu renovieren. Ohne Investitionen in dieser Größenordnung blieben alle Forderungen auf dem Niveau der leeren Phrasen aus der Politik. Dass der Protest sich auf das Nötigste beziehen muss, zeigt wie viel den Herrschenden Bildung wirklich wert ist.

Aber genau das ist der Zustand der Bildung im reichsten Land Europas. Sowohl die pädagogischen Ansprüche der jungen Lehrkraft, als auch die gesellschaftlichen Ansprüche an die Heranbildung von Kindern zu mündigen und selbstbestimmten Menschen zerschellen an der Realität: bei dreißig Schüler:innen auf eine Lehrkraft ist es unmöglich, auf individuelle Lerngeschwindigkeiten zu achten und den facettenreichen psychischen Belastungen und Ängsten zu begegnen. Statt Freude am Lernen und gesellschaftlicher Teilhabe ist es also eine Atmosphäre der Angst davor, unter die Räder zu geraten, zu der die Jugend erzogen wird.

Schule findet nicht außerhalb der Gesellschaft statt

Der Kapitalismus profitiert von dieser Angst. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass sich junge Menschen nach der Schule in Lohnarbeit und Lehre stürzen, wo sie ihre Ausbeutung stillschweigend hinnehmen sollen. Nicht umsonst reproduziert das dreigliedrige Schulsystem ganz offen die Klassengesellschaft, indem Akademikerkinder auf ihren Studienabschluss zuarbeiten, während Kinder der Arbeiter:innenklasse früher oder später verdrängt und aussortiert werden. Die Schule als „Lernfabrik“ schafft die Voraussetzung für Ausbeutung und soziale Ungleichheit.

In den letzten Jahren zeigt sich: die kapitalistische Krise selbst findet ihren Widerhall in den Klassen und auf dem Schulhof. Wo das Ideal der freien Selbstentfaltung schon lang begraben ist, versagt die Schule selbst darin, den Arbeitsmarkt mit Fachkräften zu versorgen. In nicht-gymnasialen Schulen können 35 % der 15-Jährigen kaum einem Text den Sinn entnehmen. Unter 15-Jährigen an Gymnasien sind es etwa eine leseschwache Person pro Klasse, ein Wert der sich innerhalb von vier Jahren verdoppelt hat. Als Grund dafür hört man immer wieder die Pandemie mit ihren Lockdowns. Das mag zwar oberflächlich stimmen, doch die wirklichen Ursachen stecken tiefer. Die Gesundheitskrise konnte nur das Ausmaß der Bildungskrise aufzeigen, als die, die es am schwersten hatten, vollkommen allein gelassen wurden.

Wer kritisch denkt, spürt das Scheitern der kapitalistischen Bildungspolitik. Das zeigt sich zum Beispiel in den Kämpfen der Lehrkräfte in Berlin, die sich immer hemmungsloser gegen die Überlastung wehren. Aber vor allem zeigt es sich im Protest der Schüler:innen. Einmal akzeptiert, dass sich ohne eigenes Engagement nichts bewegt, fangen sie an die Idee des Schulstreiks zu verbreiten. Unterstützt werden sie durch die Landesschüler:innenvertretung von NRW, aber letztendlich sind es die Aktiven vor Ort, die ihre Verknüpfungen nutzen und sich mit Flyern vor die Schulen stellen um diese kollektive Erfahrung möglich zu machen. Die große Errungenschaft ist es, dass die Betroffenen selbst ihren Rücken gerade machen. Wo die Schule die elementarsten Bedürfnisse verwehrt, gehen die Aktivist:innen schon zum nächsten Schritt über und bauen im Protest eine Schule der Selbstwirksamkeit und des Selbstbewussteins.

Es ist an den Vorausschauendsten unter ihnen, die Bewegung zu schärfen. Gegen das Bildungssystem als Teil einer zerstörerischen Gesellschaftsordnung, dem Kapitalismus.

Ruth Lidenbrock, Düsseldorf

  1. Schüler:innen-Vertretungen, gesetzlich und demokratisch legitimiert bilden sie eine schwache Lobby, wenn sie nicht gerade Widerstand organisieren ↩︎

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert