
Wer regelmäßig aufs Bahnfahren angewiesen ist, kennt es: Verspätungen und Zugausfälle sind ein riesiges Problem. Nicht nur für die Fahrgäste, auch für die Bahner:innen selbst. Aber wie ist es so weit gekommen?
Ein Problem sind fehlende Gleiskapazitäten. S-Bahn, RE, RB, ICE und Güterzüge müssen oftmals über dieselben Gleise. Ständig steht man sich im Weg. Seit der Privatisierung des Bahnsystems ab den 1990er Jahren sind Gleise und Weichen massiv abgebaut worden. Wir brauchen dringend mehr Gleise und Ausweichmöglichkeiten. Abbau geht schnell, doch Strecken in Deutschland wieder neu zu bauen, braucht Jahrzehnte.
Die „Verzögerungen im Betriebsablauf“
Gefühlt braucht es auch länger als früher, die vielen Störungen zu beheben. Eine einzelne Oberleitungsstörung kann dazu führen, dass 12 Stunden nix fährt. Die Störungen haben viele Gründe. Gleise, Weichen, Stellwerke, Signale gehören zur Infrastruktur und dem Konzernunternehmen DB InfraGo. Das ist immer noch zu 100 % staatlich, aber intern funktioniert es wie ein Privatunternehmen: Es geht um Gewinne. Also wurde vieles an externe Firmen ausgelagert, Personal abgebaut und auf Verschleiß gefahren.
Die vielen Großbaustellen jetzt, die marketingmäßig von Riesentamtam begleitet werden, sind eigentlich peinlich. Manchmal fehlen auch einfach Teile, um kaputte Anlagen schnell zu reparieren. Bei der S-Bahn in Berlin hat kürzlich ein Streckensignal für Witze gesorgt, das mit Spanngurten festgezurrt wurde, damit es nicht mehr umfällt. Naja, die neue Finanzchefin bei der Deutschen Bahn war früher Chefin bei Hornbach. Passt irgendwie.
Bei Störungen müssen Fahrdienstleiter:innen und Disponent:innen Züge und Personal umleiten. Aber wenn überall Leute fehlen – oder eben Züge und Gleise -, dann klemmt es. So erlebt man schon mal, dass im Zug angesagt wird, dass das Fahrpersonal noch nicht da sei und gesucht werde …
Hinzu kommt, dass man im Nahverkehr oft sehr kurze Wendezeiten hat (die Zeit von der Ankunft an der Endstation bis zur Rückfahrt). Dadurch nimmt man die Verspätungen aus der vorigen Fahrt immer mit. Toiletten sind auch ein ewiges Thema. Die gibt es oft nicht oder man hat auch gar keine Zeit dafür … Schnell gibt es Verspätung, weil man nach über 4 Stunden einfach mal muss (oftmals neben den Zug).
Alles für den äußeren Schein …
Die DB ruft ständig neue Marketing-Projekte ins Leben und verspricht Verbesserungen. Dabei wird nur an Symptomen herumgedoktert. Alte Projekte werden wieder fallen gelassen wie z. B. der Deutschlandtakt, der … auf das Jahr 2070 verschoben wurde. Aktuell gibt es das „S3“ Projekt, dass bis 2027 abgeschlossen sein soll und die „Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit auf der Schiene“ verspricht. Wofür steht „S3“? Sparen, sparen, sparen?
Medienwirksam hat die S-Bahn in Berlin ein Projekt mit Rettungssanis in Bereitschaft angekündigt, weil es viele Notarzteinsätze gibt, die zu Verspätungen führen. Doch das ist nur ein kleines Team für eine ganz kurze Zeit. Früher gab es auf jedem Bahnsteig eine Aufsicht, die eine Erste-Hilfe-Ausbildung hatte und schnell reagieren konnte. Die sind gestrichen worden. Wenn jetzt was passiert, dann ist die Lokführerin alleine und erreicht hoffentlich jemanden auf der internen Hotline (kann dauern).
Das private Bahnunternehmen National Express hat kürzlich in Nordrhein-Westfalen die S4 am Wochenende bewusst ausfallen lassen, weil es mehr Geld vom Verkehrsverbund fordert. Die Zeitungen haben vom „Streik“ des Unternehmens gesprochen. Private Bahnunternehmen machen ein paar Jährchen Gewinn mit dem Betrieb von Linien und dann kommt das Debakel. Den Unmut der Fahrgäste bekommen die Bahner:innen ab. Kein Vergnügen, dann in Dienstkleidung rumzulaufen.
Seit 30 Jahren wird das Bahnsystem auf profitabel getrimmt und geschrumpft. Umso schwieriger wird es nun mit der Verkehrswende. Geld und Personal für ein staatliches Bahnsystem allein im Interesse der Bevölkerung, sozial und klimafreundlich, das ist es, was wirklich dringend ist!
Sabine Müller, Berlin
