Backlash – We fight back!

Wir haben das Jahr 2024 und patriarchale Unterdrückung existiert weiterhin. Frauen*1 sind Opfer von Partnergewalt, Femiziden und werden nach wie vor schlechter bezahlt als Männer, während sie gleichzeitig den Großteil der unbezahlten Haus- und Sorgearbeit leisten. Auch die Familie als Institution bleibt weitgehend unangetastet und wird als ideologisches Projekt der Rechten und Konservativen zum Rammbock gegen sozialen Fortschritt eingesetzt.

Der Kapitalismus hat weder Sexismus noch Rassismus erfunden. Patriarchale Unterdrückung hat eine lange Geschichte wie Klassengesellschaften und die Geschichte der Menschheit selbst. Der Kapitalismus hat dieses Erbe übernommen und in seine Funktionsweisen integriert. Patriarchale Unterdrückung und Rassismus waren und sind instrumentell, um die Durchsetzung des Kapitalismus in die Wege zu leiten und zu festigen.

Als Marxist:innen wollen wir eine sozialistische Gesellschaft aufbauen, die frei von jeder kapitalistischen Ausbeutung der Arbeiter:innen ist und in der wir selbst gemeinsam und demokratisch über Produktion und Arbeit und somit grundlegend über unser Zusammenleben bestimmen können. Wie könnte solch ein Ziel ohne die Beteiligung von 50 % der Bevölkerung überhaupt erreicht werden? Wie könnte man es als erreicht bezeichnen, wenn Menschen immer noch Opfer von struktureller Gewalt wären? Diskussionen darüber, ob ein Kapitalismus, in dem es keine spezifischen Unterdrückungsformen mehr gibt, möglich wäre, sind wenig zielführend, die Geschichte des Kapitalismus hat dies zur Genüge gezeigt. Es ist strategisch und politisch richtig und wichtig, sämtliche Unterdrückten in einem gemeinsamen Kampf zu einen. Ihre Interessen gegeneinander aufzuwiegen würde bedeuten, in das alte Muster zu verfallen, dass nicht genügend Ressourcen für alle da seien. Wir Sozialist:innen wissen, wo der gesellschaftliche Reichtum liegt und dass das ganze Gerede, auch jetzt in der Krise, man müsse sparen, bloß Propaganda ist, um eine Umverteilung von der arbeitenden Bevölkerung zu den Unternehmen zu verschleiern.

Im heutigen Feminismus (an den Universitäten) und in der politischen Praxis vieler Aktivist:innen gibt es eine starke Ausrichtung auf Intersektionalität und Queer-Feminismus. Richtig wird im Zuge der Intersektionalität verstanden, dass Unterdrückungsformen nicht isoliert voneinander existieren. Sie überschneiden und verstärken sich. Intersektionalität hilft also den Charakter von Unterdrückungsformen zu verstehen. Ein Beispiel wäre eine schwarze Frau*, welche sowohl aufgrund ihrer Hautfarbe als auch als Frau* auf dem Arbeitsmarkt strukturell benachteiligt wird und ihr somit als Arbeiterin eine verstärkte Ausbeutung widerfährt. In der individuellen Erfahrung ist kapitalistische Ausbeutung aber nicht unbedingt schlimmer als direkte Gewalt und Unterdrückung. Es geht nicht um eine Hierarchisierung von Unterdrückung und Ausbeutung, in der Analyse und Strategie zur Überwindung der Unterdrückung ist es aber wichtig, die Rolle der kapitalistischen Ausbeutung zu untersuchen. Der Kapitalismus instrumentalisiert für sich bereits vorhandene Unterdrückungsformen und zementiert diese ein. Er ist die Bausubstanz, welche die unterschiedlichen Unterdrückungsformen zusammenhält, weil er von ihrem Spaltungspotential profitiert. Unterdrückung hat eine stabilisierende Wirkung für die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Gesellschaft, daher wird sie auch nicht in diesem System abgeschafft, jedenfalls nicht für die große Mehrheit.

Bereits die Kommunistin Clara Zetkin hat am Ende des 19. Jahrhunderts festgestellt, dass bei zahlreichen Überschneidungen der Unterdrückung von Frauen*, bürgerliche und proletarische Frauen* in unterschiedlicher Weise unterdrückt werden. Sie schließt daraus für die proletarische Frau*:

Das Endziel ihres Kampfes ist nicht die freie Konkurrenz mit dem Manne, sondern die Herbeiführung der politischen Herrschaft des Proletariats.“

Dies lässt sich ohne weiteres auch auf heute übertragen. Privilegierte Frauen* in Vorstandsposten sind von vorneherein mit der großen Mehrheit der Frauen* in unserer Gesellschaft nicht zu vergleichen. Sämtliche soziale und öffentliche Einrichtungen, welche die Familie entlasten sollen, sind seit Jahrzehnten von Sparprogrammen, Vernachlässigung und desaströser Bildungspolitik betroffen. Somit fällt die Last wieder auf die Familie und hier eben auf die Frauen*. Und dies geschieht auch in voller Absicht. Frauen* leisten weiterhin den Großteil der unbezahlten Haus- und Sorgearbeit und tragen somit wesentlich zur gesellschaftlichen Reproduktion der Arbeitskraft bei, welche notwendig ist, um den Kapitalismus an sich am Laufen zu halten.  Das heißt physische und mentale Erholung zwischen Arbeitsphasen und das Aufziehen der nächsten Generation von Arbeiter:innen.

Wie Clara Zetkin schon vor über 100 Jahren richtig erkannte, hat die freie Konkurrenz mit dem Mann die Frau* nicht befreit. Konservative und Rechte wollen eine Rückkehr zur traditionellen Familie, der Mann arbeitet, die Frau* bleibt zuhause und kümmert sich um die Kinder. Häufig wird dies begründet mit der angeblich natürlichen Veranlagung von Frauen*, fürsorglich zu sein. Dahinter steht aber ein Mechanismus, welcher die Zeit zurückdrehen und alle sozialen Errungenschaften der Frauen* – aber auch der Arbeiter:innenbewegung rückgängig machen soll.

Derzeit wird dieser Kampf vor allem als ein Kulturkampf dargestellt, welcher sich gerade gegen Transpersonen und vor allem Transfrauen richtet. Wenn Männer Frauen und Frauen Männer werden können, was soll dann nur aus der Familie werden, wenn diese Kategorien aufgelöst werden? Welches Thema gerade wieder die Gemüter erhitzt, kann beliebig ausgetauscht werden. Transfrauen im Sport? Drag Queens, die Kindern Geschichten vorlesen? Transfrauen welche die Toiletten benutzen wie alle anderen Frauen*? All dieser Medienrummel und politisches Gekreische scheinen im ersten Augenblick unsinnig. Dahinter steht aber derselbe Mechanismus wie hinter dem wieder erstarkenden Kult um die Familie. Für Feindbilder können breitere Bevölkerungsteile gewonnen und Vorurteile bedient werden. Im Kampf gegen den sogenannten “Genderwahn“ wird der Familie und in ihr dem Mann wieder mehr Autorität verliehen. Die Erziehung der Kinder wird wieder in die Kernfamilie geholt, wo Schule und Gesellschaft sie nicht „indoktrinieren“ können. Eine Familie wie aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, in der sich die Frau* allein um den Großteil der Reproduktion kümmert und das „Privileg“ hat, die Kinder komplett selbst zu erziehen. Dem Mann wird die Frau* untergeordnet wie es angeblich „natürlich“ ist. Wer an diesem Backlash zweifelt, der kann sich in den sozialen Medien Hashtags wie #Tradwives (Traditional Wives = Traditionelle Ehefrauen) zu Gemüte führen. Hier demonstrieren Frauen* von meist konservativen Ehemännern die Vorzüge völlig aus dem Erwerbsleben auszusteigen und sich dem zu verpflichten, was angeblich wirklich zählt: Heim und Kinder.

Queere Personen provozieren, egal ob aufgrund ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität, denn sie stellen genau diese Kategorien von Mann und Frau* und wie Familien aussehen und funktionieren können grundlegend in Frage. Als queere Frau fühlt man sich häufig hin und hergerissen zwischen Kämpfen für die Befreiung von patriarchaler Unterdrückung und dem Kampf für die Emanzipation der gesamten Menschheit vom Kapitalismus. Von vielen Seiten wird einem gesagt, man solle sich das spezifische Thema aussuchen, das einem am wichtigsten ist. Diesem Impuls gilt es zu widerstehen, den nur durch das       Zusammenführen der Kämpfe werden wir sowohl den Kapitalismus als auch das Patriachat überwinden.

Kira Harper, Düsseldorf

  1. Menschen, die sich als Frauen identifizieren bzw. in der Gesellschaft so wahrgenommen werden (deren Körper so gelesen werden). ↩︎

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