Techworker im Herzen der Amazon Bestie

Die Digitalisierung und die wachsende Rolle der KI in der wirtschaftlichen Entwickung ermöglichte die Entstehung von riesigen Firmen wie Amazon, die sich in Richtung von Monopolen entwickeln.
Doch auch deren unvorstellbare Profite entstehen nur durch die Arbeit von Millionen von Beschäftigten. Unter ihnen gibt es auch Versuche, für bessere Arbeitsbedingungen und gegen die Rolle der Techindustrie im Krieg und Genozid zu kämpfen. Wir berichten solidarisch von einer solchen Initiative.

Techworker bei Amazon? Was bedeutet das?

Amazon beschreibt seine wirtschaftliche Strategie damit, „den Markt ersetzen“ zu wollen. Man will nicht nur der „Beste“ sein. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass Amazon seine eigene Logistik aufgebaut hat (Lager, Frachtnetzwerke, Paketdienste) und zu einem internationalen Logistikriesen gewachsen ist. Die ungeheure Beschleunigung der Lieferung von Waren weltweit ist nur möglich geworden durch ein ganzes IT-Ökosystem, das auf KI, hochautomatisierten Lagerhäusern und Algorithmen beruht. Im Bereich Tech heißt das auch, dass alles Mögliche ausprobiert wird über Gaming oder Smart bis zum Streamingdienst Amazon Prime. Aber eben auch der klassische Bereich des Shopping verlangt nach riesiger IT-Infrastruktur und damit nach „Tech“. Man kann locker sagen, dass Amazon eine Tech Firma ist.


Amazon hat mehr als 1,5 Millionen Beschäftigte weltweit. Davon arbeiten ungefähr 350.00 in Büros. Dazu kommen Tausende in ausgelagerten Bereichen bei Tochterfirmen oder Drittfirmen. Auch Amazon-Gründer Jeff Bezos ist nur durch die Arbeitskraft von Millionen Arbeitenden zu einem der reichsten Multimilliardäre geworden.

Es ist kaum bekannt, dass die gewinnträchtigste Sparte im Amazon Konzern deren Cloud Computing Services ist. Diese Sparte heißt „Amazon Web Services“. Den höchsten Umsatz macht Amazon immer noch mit dem Shopping. Das ist der Geschäftsbereich, den jeder von uns kennt. Aber große Gewinne kommen aus „Amazon Web Services“ (AWS). Cloud Dienste spielen heute in der Welt eine zentrale Rolle. Man muss sich vorstellen, dass ungefähr ein Drittel des Internets auf Serverinfrastruktur von AWS läuft. Da geht es um die Websites, aber auch alle möglichen Dienste in dem Zusammenhang. Wenn man sich zum Beispiel eine Art Instagram selbst bauen wollte, dann hätte man Schwierigkeiten, das unabhängig von AWS zu machen. Man kann sich noch seine eigenen Server, also die Rechner, hinstellen. Aber darüber hinaus verlangt es viel mehr, damit ein solches Internetangebot in so großen Dimensionen wie Instagram läuft. AWS bietet das alles mit seiner eigenen Struktur. Wenn es also um sehr große Systeme geht, dann liefert AWS die nötige IT-Unterstützung. Das meiste Internet läuft daher auf diesen Cloud Services, weil sie deutlich günstiger sind und ein deutlich größeres Leistungsangebot liefern.

Dieser Bereich wird derzeit weltweit von nur drei Konzernen absolut dominiert: Amazon Web Services (AWS), Google Cloud Platform (GCP) und Azure (Microsoft). Alles ist bei den drei Konzernen sehr ähnlich.

No Tech for Apartheid“ – wenn Beschäftigte sich weigern, zu Komplizen zu werden

Aber KI kommt auch bei Massenüberwachung und Kriegseinsätzen zum Einsatz. Und Amazon spielt dabei eine Rolle. Dagegen entstand 2021 „No Tech for Apartheid“, eine Initiative von Amazon- und Google-Beschäftigten in den USA. Die Initiative wurde ins Leben gerufen, als bekannt wurde, dass Amazon und Google mit dem Staat Israel einen Vertrag abgeschlossen hatten. In dem Vertrag haben sie sich zur Bereitstellung von Cloud Infrastruktur, KI und Speicherkapazitäten an Israel verpflichtet. Gleichzeitig haben sie darauf verzichtet, zu kontrollieren, was mit den Systemen passiert. Der Vertrag hat einen Wert von 1,2 Milliarden Dollar. Das Ganze läuft unter dem Namen „Project Nimbus“. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das nur der Anfang ist.

KI wird in der heutigen Kriegsführung insbesondere bei der Auswahl von Zielen und der Massenüberwachung (Gesichtserkennung, Bewegungserfassung und Analyse von Netzwerken bestimmter Personengruppen) eingesetzt. Das palästinensisch-israelische Onlinemagazin „+972 Magazin“ hatte bereits November 2023 und April 2024 über die KI-basierten Systeme zur Auswahl von Zielen in Gaza berichtet („Lavender“ und „Where´s daddy“ zur Auswahl von Personen und des Zeitpunkts der Bombardierung der Personen sowie zur Berechnung von „Kollateralschäden“, also zivilen Opfern). Mithilfe von KI erstellt das Militär also „kill lists“. Berichtet wurde auch über die quasi totale Datenerfassung des Gazastreifens, was eine riesige Datenmenge ist. Und hier kommt „Project Nimbus“ ins Spiel. Man kann davon ausgehen, dass „Project Nimbus“ aktuell im Völkermord an den Palästinenser:innen in Gaza umgesetzt wird.

Wichtig ist zu verstehen, dass große Konzerne wie Amazon mit ihren militärischen Aktivitäten nicht offen umgehen wollen. Das Zauberwort heißt „Dual Use“. Es geht dabei um Leistungen oder Services, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können

Aber wo genau verläuft die Grenze? Die Aktivistis von „No Tech for Apartheid“ argumentieren, dass es kein „Dual Use“ gibt. Alles kann und wird militärisch verwendet.

Ein Beispiel ist die „Google Photos“ App, die jeder auf seinem Android Handy hat. Diese Software nutzt auch das israelische Militär, die sogenannten „Israel Defence Forces“ (IDF). Die israelische Staat hat von praktisch allen Palästinenserinnen und Palästinensern Unmengen an Daten gespeichert. Diese Datenbanken haben sie in den letzten Jahren aufgebaut, denn der israelische Staat und dessen Militär kontrollieren im wahrsten Sinne des Wortes jeden Schritt der Palästinenser:innen einschließlich deren Familienregister, Arbeitserlaubnisse, die Löhne, Steuerzahlungen, Autozulassungen und natürlich die gesamten Social Media Aktivitäten. Das Leben aller Palästinenser:innen ist gespeichert. Wird ein Palästinenser zum Beispiel an einem der vielen Militärcheckpoints im Westjordanland oder Gaza oder Ost-Jerusalem gestoppt und überprüft, dann nutzt der israelische Soldat sehr wahrscheinlich die „Google Photos“ App, um das Gesicht der palästinensischen Person zu scannen und die Informationen aus den Datenbanken abzurufen. Wenn die israelischen Soldaten dann ein technisches Problem mit der „Google Photos“ App haben, melden sie das und dann landet ein „Ticket“ bei einem Software Engineer, der nur sieht, dass er einen Fehler in der App beheben soll. Er sieht nicht, welche Person, den Auftrag erstellt hat. Aber die IDF ist nicht irgendein Kunde. Das ist der israelische Staat mit seiner Armee, die Einfluss haben und Kriegsverbrechen begehen. So werden Software Engineers zu Komplizen gemacht, ohne dass sie das wissen.

Für die Aktivistis von „No Tech for Apartheid“ ist es wichtig, die Kolleginnen und Kollegen aufzuklären, dass Amazon – wie die anderen Tech Unternehmen – eine Struktur hat, die verschleiert, was mit der eigenen Arbeit eigentlich passiert. Man hat als Beschäftigter keine Kontrolle über die Arbeit und was mit den Arbeitsergebnissen passiert. Amazon selbst weiß aber, wer die „Kunden“ sind und was mit der Arbeit passiert. Nur den Beschäftigten wird das natürlich nicht erklärt. Und Amazon weiß sehr genau, dass es besser ist, das den Beschäftigten zu verheimlichen.

Angesichts der ungeheuren Wirtschaftsmacht der Tech Giganten kann nur eine massenhafte Organisation der Arbeitenden selbst und durch kollektive Aktionen Google und Amazon dazu zwingen, ihre Komplizenschaft im Völkermord und Apartheid zu beenden. Angesichts der Militarisierung der ganzen Tech Branche ist es offensichtlich, dass die Arbeitenden die Kontrolle über das erlangen müssen, was und wie sie produzieren. Kollektive Organisierung für die Arbeitsbedingungen und gegen Genozid und Apartheid gehen Hand in Hand. „Our labor is not a weapon“ ist einer der Slogans von „No Tech for Apartheid“. In unseren zugespitzten Zeiten steht nicht weniger als die Frage im Raum: Barbarei oder… Sozialismus?

Der Tech Sektor ist bekanntermaßen in den USA entstanden, und zwar in Kalifornien. Dort gibt es seit vielen Jahrzehnten eine Tradition gewerkschaftlicher Organisierung. Die Tech Konzerne waren daher von Anfang an sehr darauf bedacht, jede Form der gewerkschaftlichen Organisierung zu zerschlagen, bevor sie überhaupt begonnen hat. Das läuft nicht nur über die relativ gute Bezahlung. Es wird auch viel darin investiert eine Kultur zu schaffen, in der sich die Arbeitenden mit dem Konzern vollständig identifizieren. Wer sich in erster Linie als „Googler“, „Amazonian“, „MetaMate“ oder „Microsoftie“ identifiziert, sieht sich vielleicht weniger als Arbeiterin oder Arbeiter einer globalen Arbeiterklasse.

Seit einigen Jahren expandiert Amazon – wie andere Tech Konzerne auch – nach Europa und auch Deutschland. Hier nutzen sie die Situation der migrantischen Kolleg:innen im Besonderen aus. In Berlin beispielsweise sind wahrscheinlich fast 80% der Amazon Techworker mit Arbeitsvisum beschäftigt. Viele sind aus ihren Heimatländern sogar explizit für die Arbeit nach Berlin umgezogen. Für sie steht das Geld-verdienen im Vordergrund, nicht das Lernen der deutschen Sprache, das Verwurzeln in der Berliner Gesellschaft und erst Recht nicht die Organisierung als Arbeitende. Das ist auch eine bewusste Entscheidung des Amazon Managements. Denn Kolleg:innen, deren Visum an die Arbeit gekoppelt ist, sind leichter zu kontrollieren. Die Ausbeutung lässt sich steigern.

Aber dieses „Think Big… Leadership Principles….“-Management-Blabla und die vielen Methoden der Vereinzelung und Ausbeutung führen jedoch nicht immer zu den gewünschten Erfolgen. Von Amazon Auslieferfahrern und Lagerarbeitern, Arbeitenden in den Cafés und Subfirmen in Indien bis zu Techworkers in den USA und Europa haben sie immer wieder dem Tech Giganten die Stirn geboten und Arbeitskämpfe und Sit-ins organisiert. Natürlich sind diese Reaktionen noch zu klein und zu vereinzelt, aber sie zeigen die Möglichkeiten der Organisierung. Oft fängt es im Kleinen an: selbstorganisierte Kricketturniere oder Barbecue sind Gelegenheiten, um über die Arbeitsbedingungen und die Komplizenschaft beim Völkermord in Palästina zu sprechen. Amazon achtet peinlichst darauf, dass solche Initiativen nicht innerhalb des Betriebs kommuniziert werden können. Alle Organisationsversuche laufen daher außerhalb der Firmenressourcen. Aber weil Amazon eben ein international aktives Tech Unternehmen ist, kann es passieren, dass eine kleine harmlose Initiative für ein gemeinsames Essen mit Kolleg:innen nicht nur in Deutschland, sondern auch anderswo auf Resonanz stößt und unverhoffte Möglichkeiten für Vernetzung eröffnet.

Beitragsbild: Google and Amazon workers protest against their companies’ collaboration with the Israeli military at the annual Amazon Web Services summit in New York, July 26, 2023. (X/No Tech For Apartheid) – via https://www.972mag.com

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