Der Zugfunke – 20. April 2017Lokführer im Miniaturlaboratorium
Sobald zwei Tfs von Regio zusammenkommen, gibt es nur ein Thema: Tablet. In den Meldestellen bilden sich spontan Arbeitsgruppen, in denen auf den Bedienoberflächen herumgetoucht wird: Ordnersystem total verschachtelt, man kann sich schnell verhaspeln, vielleicht noch irgendwo auf nem zugigen Bahnsteig, das macht Stress.
Irgendwie fühlen wir uns bei der Einführung des Tablets genauso wie zur Einführung des GTWs oder des Talents – die Chefetage spekuliert wieder darauf, dass die Kollegen es schon machen und hinbiegen und übertragen uns die Verantwortung für unvollendeten Kram. Wurde deshalb bewusst auf einen Testlauf verzichtet?
Das Rumexperimentiere jetzt ist nicht unser Privatproblem. Nötig sind ordentliche Einweisungen und Nachschulungen in der Arbeitszeit!
Im Westen nichts Neues
Als der IRE nach Hamburg startete gab es gleich Beschwerden und glimpflich abgelaufene Vorfälle bei der Abfertigung am stark gekrümmten Bahnsteig in Hamburg-Harburg. Trotzdem wurde an der Sparversion so langer Züge mit möglichst wenig Zugpersonal und Spar-Ausbildung festgehalten. Der IRE ist ein Versuch auszuprobieren, mit möglichst geringen Personalkosten auszukommen.
Nun ist es passiert. Ostermontag ist eine Frau zwischen Zug und Bahnsteig geraten, weil weder Zub noch Tf bemerkt hatten, dass sie nochmal zurück in den Zug wollte, um auch ihr zweites Kind aus dem Zug zu holen. Sie hat den Unfall nicht überlebt.
Die Kollegen des Zuges wurden abgelöst und mit dem quälenden Gefühl nach Hause entlassen, eventuell einen Fehler gemacht zu haben, der einem Menschen das Leben gekostet hat.
Aber der Fehler ist im System zu suchen und nicht bei uns! Das ist vielen von uns nicht neu, besonders wenn wir aus dem Osten kommen.
B-lächelt
Da meinten Schlaumeier, das B abschaffen zu können. Wer braucht in so einer modernen Bahn unter den der „angespannten Marktsituation“ schon Zugbegleiter mit betrieblichen Aufgaben? Also wurden Schulungen und Tauglichkeit gestrichen.
Zwar behielten alle ihre Lohngruppe, aber alle neu eingestellten Kollegen bekamen eine Gruppe weniger. Aber auch die machten Arbeiten, die in das „rollende Rad“ eingriffen. Doch diese wurden zu „betrieblichen Hilfstätigkeiten“ erklärt.
Jetzt werden wieder Zubs mit B eingestellt, weil es kaum noch möglich ist, alle Schichten mit dieser Anforderung abzufahren. Kollegen, die das B schon mal hatten, sollen wieder nachgeschult werden.
Man könnte über die Hirngespinste der Chefklugscheißer lächeln, wenn es nicht so ärgerlich wäre. Aber jetzt sollten alle Zubs nachgezogen werden und allen ein B mit der Bezahlung anlachen.
Vorsicht, Zeitdiebe
Eigentlich könnten die Tablets als Arbeitsmittel eine Erleichterung sein. Wenn man nicht wüsste… dass die DB darauf setzt, uns damit irgendwann überallhin superflexibel schicken zu können. Schon jetzt geht sie stillschweigend davon aus, dass viele zu Hause ihre Schichten abfragen, um späteren Stress zu vermeide. Auch wenn es offiziell anders heißt, sollen wir quasi dazu gezwungen werden, Arbeit in die Freizeit zu verlagern. Oder warum gibt es nur einen einzigen Ladeschrank, so dass man am Ende der Schicht noch weite Wege auf sich nehmen muss?
Wirklich das Mindeste sind Ladeschränke in allen Meldestellen und Wegezeiten vom und zum Ladeschrank sind als Arbeitszeit zu werten!
Es wächst zusammen, was zusammen gehört
Mit den Werkverträgen auf dem RE6, mit denen sich Regio Zubs billig einkaufen wollte, hat die DB ihre liebe Not. Die Kollegen lassen nicht alles mit sich machen, werden krank oder kündigen sogar. Die Lösung der DB besteht darin, den Schein eines Werkvertrags noch mehr auszuhöhlen und Leistungen und Schichten zu vermischen. Richtig so! Die Kollegen gehören zu uns. Nur die Konstruktion Werkvertrag gehört weg.
3 mal abgesägt, immer noch zu kurz
Dass beim RE1 nun eine Doppelbesetzung mit KiNs im Doppelstock möglich gemacht wurde, zeigt nur, wie dringend mehr Personal benötigt wird. Aber dass dafür nun andere Züge ohne KiN fahren verlagert das Problem doch bloß. Wir brauchen Festeinstellungen!
Gehts noch??
In der DB-Bild wird in einer Reportage berichtet, bei DB Cargo lasse sich „Beruf und Familie gut unter einen Hut bringen“. Am besten mit der Schicht von 2 Uhr bis 12 Uhr: „’Ich lege mich abends mit den Kindern hin, schlafe fünf Stunden und fahre dann zur Arbeit’“. Vor-bild-lich! Sowas Familienfreunliches findet sich in keinem anderen Unternehmen!
Lehmschichten
Vor Ostern waren rekordverdächtige 42 Dienste bei der S-Bahn unbesetzt. Bei den Schichten… kein Wunder. Da blieben noch ordentlich Schichten zu zerbröseln. Krümel in jeder Schichtritze könnten erklären, warum sich viele Schichten wieder anfühlen wie alte Schnitzel. Man schleppt sich auf Arbeit, als wären es die letzten Schichten vor dem Urlaub.
Entlastung und mehr Personal statt noch mehr reingequetschte Arbeit sind wirklich dringend nötig.
Wo ist das Geld nur geblieben
Die S-Bahn hat letztes Jahr über 442 Millionen den Fahrgästen an Ticketpreisen abgeknöpft und 265 Millionen aus dem Verkehrsvertrag. Das machte summasummarum 72 Millionen Gewinn!
Das macht einem Angst und bange, Wo wurden die nur wieder rausgequetscht? In welche Ecke fehlen die jetzt? Jede abgezwackte Million schlägt auf unsere Arbeitsbedingungen und unsere Nerven.
