Wie der Krieg in die Institutionen eingeschleust wird

Krieg ist ein Begriff, der seltener in den Medien und den Politiker:innen-Reden vorkommt. Da heißt es „Verteidigungsfall“ oder „Bündnisfall“. Im selben Sinn wurde im Juli im Land Berlin ein „Rahmenplan Zivile Verteidigung Krankenhäuser“ vorgestellt. Erarbeitet wurde dieser vom Senat, der Krankenhausgesellschaft, 12 Berliner Krankenhäusern und der Bundeswehr. Dieser Plan wird als Arbeitspapier bezeichnet, welches Empfehlungen für die Kliniken enthält und Prüf- und Arbeitsaufträge verteilt. Er soll fortlaufend weiterentwickelt werden. Der genaue Inhalt des Planes ist natürlich geheim.

Unter ziviler Verteidigung wird dabei der „nichtmilitärische Teil der Verteidigung als besondere Form der Krisen- und Notfallvorsorge“ verstanden. Es geht also um die Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung unter den Bedingungen kriegerischer Situationen in der Ferne oder auch in Berlin selbst. Im Kriegsfall müssten die Berliner Kliniken die Versorgung Kriegsverletzter und der Zivil- Bevölkerung sicherstellen, dies auch, wenn die Infrastruktur teilweise oder sehr weitgehend zerstört ist.

Die größte Berliner Klinik, die Charité, führte aus diesem Anlass zwei Veranstaltungen für interessierte Beschäftigte durch. Neben Vertreter:innen des Managements, dem Katastrophenschutz der Charité war auch ein Vertreter der Bundeswehr eingeladen. Dieser beschrieb ein Szenario des sog. Bündnisfalles. Also Russland und Nato stehen im Krieg entlang der russischen Grenze zum Baltikum. Dann wäre mit Fluchtbewegungen der Zivilbevölkerung genauso zu rechnen wie mit hunderten Kriegsverletzten, die zusätzlich in den Berliner Kliniken zu versorgen sein würden.

Es wurde darüber sinniert, ob die vorhandenen OP-Bestecke für die operative Versorgung Kriegsverletzter ausreichen werden, ob jede Klinik einen eigenen Tiefbrunnen benötige usw. usf. Es wurden Rechenspiele betrieben, wie viele Verletzte und wie viele aus der Zivilbevölkerung gleichzeitig versorgt werden müssten und wie viel Personal überhaupt zur Verfügung stehen würde. Dabei dienten die Erfahrungen aus der Ukraine immer wieder als Beispiel.

Die Veranstaltungen der Charité gingen an den meisten vorbei, vor allem Personalräte waren wohl als Beschäftigte anwesend. Die festgelegten Maßnahmen müssen am Ende von den Beschäftigten umgesetzt werden. Immer wieder werden zu den Veranstaltungen Militärs kommen, um Kriegsszenarien zu entwerfen.

Für die Kolleg:innen, die seit Jahren erleben, wie wenig Mittel zur Verfügung gestellt werden, das Gesundheitssystem und überhaupt die Stadt Berlin auf eine bereits eingetretene Katastrophe, den Klimawandel, vorzubereiten, fühlten sich wie im falschen Film. Klimaanlagen für Arbeitsräume oder Patient:innenzimmer? Kein Geld oder es wird auf die unzureichenden Elektroinstallationen zum Betreiben vom Klimageräten verwiesen. Begrünung von Fassaden an Neubauten wie dem Herzzentrum um für etwas Abkühlung im Sommer zu sorgen? Aus den Bauplänen gestrichen.

Die Beschäftigten in den Kliniken mögen ihren jeweiligen Beruf, weil sie Leben retten und schützen wollen. Militär hingegen zielt vor allem darauf ab, menschliches Leben zu vernichten. Der Vorstand der Charité bietet den Kolleg:innen ein psychosoziales Netzwerk für die Verarbeitung der in einem Krieg zu erwartenden psychischen Belastungen. Doch ist es nicht völlig normal, sich bei der Perspektive Krieg schlecht zu fühlen?

Studis der Initiative Kritischer Mediziner:innen haben eine dieser Veranstaltungen der Bundeswehr an der Charité unterbrochen und die Vorbereitung der Krankenhäuser auf den Krieg kritisiert. Sie richteten an die Teilnehmer:innen den Aufruf: „Lasst uns mit politischem und sozialem Widerstand gegen eine Ausbreitung des globalen Kriegsgeschehens arbeiten.“ Genau! Um zu verhindern, in einen Krieg gezogen zu werden, müssen wir uns zusammentun im Betrieb und überall.

Havanna Obst und Lorenz Wassier, Berlin

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