Während Wohlhabende sich vor der Hitze abschirmen, zahlt die Arbeiterklasse den Preis für ein ausbeuterisches System

Ein Gastbeitrag von  Julian Klatsky

Die Ungerechtigkeiten des Klimawandels und dessen Auswirkungen, insbesondere im Hinblick auf das Leiden derer, die sich aufgrund ihrer unzureichenden finanziellen Lage keine Klimaanlage leisten können, sind in der heutigen Zeit eklatant erkennbar. Im Sommer 2026 verursachte die massive Hitzewelle in Deutschland rund 16.300 hitzebedingte Sterbefälle. Während Bundeskanzler Friedrich Merz in seinem klimatisierten Büro von der Rückkehr von „rund 80 Prozent“ der hier lebenden Syrerinnen und Syrer fantasiert, ein Vorhaben, das auf eine menschenrechtswidrige Massendeportation hinausliefe, leidet ein Großteil der Bevölkerung, der aus reinem Zufall nicht mit derlei Privilegien auf die Welt gekommen ist, unter den immer verheerender werdenden Umständen dieser stetig steigenden Hitze.
Vor einigen Wochen war ich zu Fuß im Wedding, einem normalerweise besonders lebhaften Ortsteil Berlins, unterwegs. Doch zum ersten Mal sah ich dort lediglich leere Straßen; nur die wenigsten wagten es, sich in die bedrückende Hitze zu begeben – angesichts von 40 Grad kaum verwunderlich. In diesem Ortsteil wohnen insbesondere Arbeiterfamilien, meist mit Migrations- und Fluchthintergrund, die infolge hoher Inflation und steigender Armut kaum ihr Auskommen finden.
Der Großteil dieser Menschen ist jedoch nicht freiwillig nach Deutschland geflüchtet. Aufgrund autoritärer Repression und der durch westliche Profitinteressen verursachten Verarmungsprozesse vieler Länder des Globalen Südens sahen sich zahlreiche Menschen gezwungen, vor diesen Verhältnissen zu fliehen. Hinzu kommen die zunehmenden Folgen der Klimakrise, deren Ursachen überwiegend im enormen Ressourcenverbrauch der westlichen Industriestaaten liegen, während extreme Dürren und Ernteausfälle vor allem den Globalen Süden treffen. Werden die existenziellen Lebensgrundlagen vor Ort zerstört, bleibt den Betroffenen oft keine andere Wahl als die Flucht. Dennoch finden sie sich in Europa erneut am unteren Ende einer Klassengesellschaft wieder, die auf denselben kolonialistischen Ausbeutungsstrukturen beruht, welche sie einst in jene Notlage brachten.
Doch diese Fortsetzungen der Ausbeutung enden nicht an nationalen Grenzen; vielmehr prägen sie das gesamte europäische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Besonders deutlich trifft das oft Schutzsuchende in weiten Teilen Europas, welche unter prekärsten Arbeits- und Wohnbedingungen leiden. Sie wohnen häufig in unzureichend isolierten Unterkünften ohne Hitzeschutz und arbeiten in Branchen wie dem Baugewerbe, der Landwirtschaft oder der Logistik, in denen Vorkehrungen gegen extreme Temperaturen oft fehlen. Während Wohlhabende sich in gekühlte Räume zurückziehen können, bleibt diesen Menschen kaum eine andere Wahl, als ihre Arbeit auch bei gefährlicher Hitze fortzusetzen.

Hitze ist doppelt so tödlich wie Corona, und die Ärmsten sterben zuerst

Während der langanhaltenden Hitzewelle im Sommer 2022 erreichten die Temperaturen in Spanien Spitzenwerte von über 45 Grad. Das staatliche epidemiologische Überwachungssystem für tägliche Übersterblichkeit (Sistema de Monitorización de la Mortalidad Diaria) berichtete an den Spitzentagen Mitte Juli täglich von 150 bis 184 mit der Hitze in Verbindung gebrachten Todesfällen. Im selben Zeitraum forderte das Coronavirus gleicherorts täglich 70 bis 90 Menschenleben, weniger als die Hälfte der hitzebedingten Todesfälle.
Des Weiteren war hierbei eine deutliche Korrelation zwischen niedrigem sozioökonomischem Status und der Wahrscheinlichkeit eines hitzebedingten Todes erkennbar. Hitzemortalität trifft überproportional Vorerkrankte, Ältere sowie Alleinlebende ohne zuverlässiges Versorgungsnetzwerk. Hierbei handelt es sich um Merkmale, welche unmittelbar mit materieller Armut und einer Unzugänglichkeit schonender Zufluchtsräume vor Extremwetter eng verknüpft sind.
Die hohe Anzahl der hitzebedingten Sterbefälle ist ein drastisches Beispiel für die Folgen der Vernachlässigung der machtlosen Unterschicht. Wer am Monatsende zur Abwägung zwischen Lebensmitteln und der Stromrechnung gezwungen wird, verkümmert in der bedrückenden Hitze der Metropolen und muss möglicherweise mit seinem Leben bezahlen. Hierbei handelt es sich keineswegs um einen Zufall; vielmehr stellt es das vorhersehbare Resultat einer ungerechten gesellschaftlichen Ordnung dar, die den Hitzetod der sozial Verwundbaren in Kauf nimmt.

Der Kapitalismus und seine Fragilität

Dass die Schwächsten den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert sind, wurzelt unmittelbar in der Verwertungslogik unseres Wirtschaftssystems. Der Klimawandel ist meines Erachtens lediglich eine weitere Folge des zugrunde liegenden kapitalistischen Systems, dessen Auswirkungen sich unverhältnismäßig auf die Gesellschaft verteilen. Um die erhebliche, existenzielle Bedrohung der sich bereits entfaltenden Klimakatastrophe – worunter in erster Linie die Armen leiden – wirksam zu bekämpfen, müsste die aktuelle Produktionsweise, welche in vielen Teilen auf die Ausbeutung verschiedener Ressourcen wie Erdöl und Bodenschätze angewiesen ist, unverzüglich fundamental überdacht werden. Doch leider ist dies nicht im Interesse der mächtigen Profiteure dieses Systems, wodurch sich Klimaschutzinitiativen aufgrund fehlender Finanzierung nicht frei entfalten können.
Um zu verstehen, warum der Kapitalismus in seiner jetzigen Form als langfristiges Wirtschaftssystem grundlegend ungeeignet ist, müssen wir zunächst dessen Kernkonzepte analysieren. Ein grundsätzlicher Gedanke hinter dem Kapitalismus beschreibt in erster Linie, dass Profite zurück in die Produktion investiert werden. Dieser Gedanke ist auch als einziges Merkmal der Nachhaltigkeit dieses Konzeptes zu erkennen, verliert jedoch bei tiefgreifender Hinterfragung seine Legitimität. Der Kapitalismus beruht auf einem unrealistischen Vertrauen in künftiges, wirtschaftliches Wachstum: Man gehe davon aus, die Produktion sei immer weiter steigerbar. Doch in Zeiten finanzieller Krisen wird die Fragilität dieses Vertrauens eklatant sichtbar. Erkennen Marktanalysten eine Bedrohung durch wirtschaftliche Probleme, verlieren große Investoren rasch ihr Vertrauen in das künftige Wachstum. Aufgrund ihrer Angst vor finanziellen Verlusten ziehen die Investoren ihre Gelder aus der Börse, wodurch die Wirtschaft schlagartig ins Wackeln gerät. Millionen Menschen verlieren ihr Vermögen und stürzen in die Armut ab. Die zunehmende Verarmung der arbeitenden Bevölkerung verschärft diese Krisendynamik zusätzlich; während die Menschen gezwungen sind, ihre schwindenden Mittel für die bloße Existenzsicherung wie Miete und Lebensmittel aufzubringen, bricht der Absatz in anderen Wirtschaftsbereichen ein. Um ihre Profitraten dennoch zu verteidigen, drosseln Unternehmen die Produktion und bauen massenhaft Arbeitsplätze ab, wodurch die Last der Krise unmittelbar auf die Lohnabhängigen abgewälzt wird.
Am Ende jeder finanziellen Krise bleibt jedoch stets eine kleine Anzahl an wohlhabenden Menschen unversehrt. Diejenigen, die über den Großteil der Produktions- und Investitionsmittel verfügen, brauchen keinerlei Angst zu haben. Schließlich sind die Preisanstiege, die für Millionen weniger privilegierter Menschen den Hunger bedeuten, im Angesicht der beträchtlichen, meist unbesteuerten Geldsummen, die auf den Konten der Wohlhabenden zu finden sind, äußerst geringfügig.

Die fatale Eskalation staatlicher Aufrüstung und der Widerspruch zum Gemeinwohl

Der Widerspruch zwischen privatem Profit und gesellschaftlichem Schutz zeigt sich nirgends drastischer als bei der staatlichen Subventionierung von Waffen. Der Kapitalismus verleitet aufgrund seiner konzeptionellen Strukturen inhärent zur Priorisierung von Profiten über alles andere. Im Rahmen der Wissenschaft bedeutet dies konkret, dass besonders gewinnbringende Forschungsbereiche erheblich mehr Subventionierung erhalten. Dabei sind die lukrativsten Bereiche meist nicht mit den Interessen der Zivilbevölkerung vereinbar. Die Rüstungsindustrie, welche angesichts der enormen Angst vor Konflikten momentan stark staatlich subventioniert wird, produziert unter dem Deckmantel des Schutzes Instrumente zur Ermordung von Menschen und Zerstörung von Städten. Gleichzeitig zeichnet sich jedoch dieser Bereich durch enorme Lukrativität aus.
Die Eurosatory, die weltweit größte Rüstungsmesse, fand vom 15. bis 19. Juni 2026 auf dem Messegelände Paris Nord Villepinte statt. Diese vergangene Messe war die bislang größte ihrer Geschichte und verfügte über 2.600 Aussteller, darunter auch rund 50 deutsche Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall, KNDS, Heckler & Koch und viele mehr. Die feierliche Atmosphäre der Messe wurde vom investigativen Journalisten und Rüstungsexperten Christian Schweppe als „Goldrausch“ bezeichnet. Die Teilnehmer der Messe feierten „die Party ihres Lebens“; nachmittags knallten die Champagnerkorken, überall trugen luxuriös bekleidete Menschen glitzernde Rolex-Uhren.
Zeitgleich sammeln zahlreiche Rentner auf deutschen Straßen und Bahnhöfen Pfandflaschen. Immer mehr Bürger sind knapp bei Kasse. Die Verkehrsinfrastruktur zerfällt langsam, aber stetig: Das Netz der Deutschen Bahn fährt seit Jahrzehnten auf Verschleiß, Tausende Brücken in ganz Deutschland sind marode und müssen dringend saniert oder neu gebaut werden. Auch die Bildungsinfrastruktur leidet. Viele Schulgebäude, Turnhallen und Sanitäranlagen sind stark sanierungsbedürftig, Hunderttausende Kita-Plätze fehlen. Doch vor Kürzungen im Sozialstaat zur weiteren Finanzierung großer Rüstungsprojekte zur Etablierung Deutschlands und Europas als militärische Großmächte scheut die konservative Regierung unter Friedrich Merz nicht.
Doch Schutz bietet diese Aufrüstung kaum – im Gegenteil. Ein Wettrüsten ist eine verhängnisvolle Eskalationsspirale, welche im Regelfall sämtliche

umliegenden Länder erfasst. Diese fatale Dynamik lässt die Wirtschaft jener Länder in eine katastrophale Abhängigkeitsspirale abstürzen. Durch den Umbau der wirtschaftlichen Grundlage aufgrund der subventionsbedingten Verlagerung der Arbeitsplätze in die Rüstungsindustrie verstärkt sich der Einfluss der Rüstungsindustrie maßgeblich. Die Macht dieser Unternehmen, welche zur Erzeugung weiterer Nachfrage nach ihren Tötungsinstrumenten großes Interesse an Kriegen hegen, nimmt stetig weiter zu.
Gleichwohl ändert sich an diesen Verhältnissen nichts, da im Kapitalismus Geld und Macht Hand in Hand gehen. Wer über finanzielle Mittel verfügt, vermag sein Kapital und folglich seine Macht mit Leichtigkeit zu vermehren. Derjenige besitzt auch die Hebel, um maßgeblichen Einfluss auf politische Entscheidungen auszuüben – finanzieller Druck ist im Hinblick auf politische Akteure nicht zu unterschätzen. Im Falle einer finanzstarken Rüstungsindustrie werden viele politische Mandatsträger aufgrund finanzieller Interessen und Verbundenheit zu jener Industrie schnell zu Marionetten solcher Unternehmen.

Die kapitalistische Machtordnung

Die Verflechtung von immensem Reichtum und politischer Gefolgschaft beschränkt sich jedoch längst nicht mehr auf die Rüstungsbranche, sondern prägt das gesamte Fundament moderner Macht. Das kapitalistische System treibt durch die fortschreitende Akkumulation die Herausbildung einer allumfassenden Oligarchie voran. Als Milliardäre und Billionäre verkörpern Elon Musk, Peter Thiel, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg und viele weitere die Herrscher dieses monopolkapitalistischen Zeitalters, deren grenzenloser finanzieller Einfluss die Demokratie aushöhlt. Politische Mandatsträger werden zu reinen Erfüllungsgehilfen, die den Willen dieser Tech-Oligarchen ausführen. Was einst als liberale Marktwirtschaft propagiert wurde, erweist sich als autoritäre Eigentumsordnung, in der die extreme Konzentration von Kapital und Produktionsmitteln eine unumschränkte Herrschaft über Politik und Gesellschaft begründet. Wer im Rahmen dieses Systems über keine finanziellen Mittel verfügt, kann kaum etwas verändern und bleibt in der durch jene Gesellschaftsordnung vorgegebenen Position gefangen. Folglich überrascht es nicht, dass politisch konservative Parteien über die stärkste Lobbyunterstützung verfügen. Es liegt in deren eigenem Interesse, das ausbeuterische System, dessen Erträge die herrschende Klasse abschöpft, fortwährend am Laufen zu halten. Schließlich sind diese Parteien lediglich Manifestierungen jener Klasse.

Eine gespaltene Gesellschaft verfügt nicht über die nötige Kraft, ihre Ausbeutung zu überwinden

Ungeachtet der Tatsache, dass die Menschheit bereits über alle erforderlichen Ressourcen verfügt, um nahezu sämtliche humanitären Probleme auf der Welt zu beseitigen, bleibt das ungerechte System bestehen. Während einige wenige profitieren, verkümmert die Arbeiterklasse unter deren Ausbeutung. Die enorme Kluft zwischen denjenigen, die sich aufgrund reiner Willkür in meist unveränderlichen Armutsverhältnissen befinden, und denen, die bereits über weitaus mehr Kapital verfügen, als sie je bräuchten, wächst im Rahmen dieses Systems stetig weiter. Diejenigen, die nach harten Arbeitstagen auf das Sammeln von Pfandflaschen angewiesen sind, um im täglichen Kampf um die bloße Existenz nicht unterzugehen, schauen machtlos zu, wie sich ihre ohnehin prekären Verhältnisse stetig verschlechtern. Im gleichen Augenblick bereichern sich die Profiteure ohne jeglichen Hauch existenziellen Drucks an dem von jener Arbeiterklasse erwirtschafteten Kapital.
Um das ausbeuterische System aufrechtzuerhalten, wird das politische Klima von den Herrschenden gezielt vergiftet. Die gesellschaftliche Spaltung, meist in Form von Hetze gegen Migranten, Frauen und Minderheiten, dient der Oberschicht als effektives Instrument zur Unterbindung gesellschaftlicher Solidarität. Denn eine gespaltene, zusammenhaltslose Gesellschaft verfügt nicht über die nötige Kraft, ihre Ausbeutung zu überwinden. Nur durch das Erkennen dieser zielgerichteten Unterdrückungstaktik gelingt der arbeitenden Klasse die Befreiung aus den Fesseln der kapitalistischen Machtordnung. Schließlich beruht das weitere Bestehen der Ausbeutung auf der gesellschaftlichen Hoffnungslosigkeit, welche durch starken, revolutionären Zusammenhalt gebrochen werden kann.

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