
In ihrem jeweiligen Land herrschten sie mit Terror. Ende August 1939 schlossen sie einen Nichtangriffsvertrag. Ein Jahr zuvor hatten Frankreich und England mit Hitler ihren eigenen Vertrag gefunden, das Münchner Abkommen. So wurde in West- wie in Osteuropa versucht, die Bedrohung durch das Deutsche Reich abzuwenden. Und letztendlich verursachte der Krieg Millionen Opfer. Vor allem in der UdSSR, wo wahrscheinlich 27 Millionen Menschen ihr Leben verloren.
Schon seit Anfang der Dreißigerjahre war die Außenpolitik der UdSSR Stalins von nationalistischen Interessen der Sowjetbürokratie geprägt. Die Idee, sich mit Hitler zu verständigen, genau in dem Moment, wo es allen klar geworden war, dass die Nazis einen gewaltigen Krieg vorbereiteten, war vor allem ein Dolchstoß in den Rücken aller Aktivist:innen in der Welt, die sich auf den Internationalismus beriefen. Der deutsche Aktivist Oskar Hippe berichtet über die Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands, als sie von dem Nichtangriffspakt erfuhren: „Viele resignierten und gingen den Weg ins politische Nichts“.1Oskar Hippe „… und unsere Fahn’ ist rot“, Der 17-Jährige Deutsche Wolfgang Leonhard lebte zu der Zeit in der UdSSR und studierte Politik. Als sie vom Hitler-Stalin-Pakt erfahren, sind seine Kommilitonen „vom Donner gerührt“.
Im Vertrag steht: „Die Regierungen der beiden vertragschließenden Teile werden künftig […] sich gegenseitig über Fragen informieren, die ihre gemeinsamen Interessen berühren.“ Leonhard versteht diese Worte als „eine endgültige Absage an alle Formen des Kampfes gegen die faschistische Aggression“.2Wolfgang Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder (1955)
Die wahre Tragweite von Stalins Machenschaften konnte Leonhard sich aber noch nicht vorstellen: Das geheime Zusatzprotokoll des Vertrags sollte auch „die Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa erörtern“.
Eine Berliner Ausstellung
Im Museum Berlin-Karlshorst findet jetzt eine Sonderausstellung über die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts statt. Knapp eine Woche nach der Unterzeichnung überfällt die Wehrmacht Polen. Die Rote Armee marschiert in die Gegenrichtung und Polen existiert nicht mehr. Durch den folgenden Angriff auf Finnland, sowie den Einmarsch in die baltischen Staaten und in Teile Rumäniens, verfolgte Stalin aber andere Ziele als Hitler. Die Kalkulation Stalins war, sich gegen die Bedrohung durch Hitler zu schützen. Er wollte die Ressourcen der besetzten Ländern nutzen (wie er es schon Anfang der 30er Jahre mit der Ukraine gemacht hatte). Die Inszenierung der Befreiung einer unterdrückten Minderheit (siehe Bild links) sollte dieses armselige Kalkül verschleiern.
In der noch jungen, von Trotzki gegründeten IV. Internationale entsteht damals eine schwierige Debatte: Kann die UdSSR, nach so einer schrecklichen Entwicklung ihrer Außenpolitik, noch als „Arbeiterstaat“ betrachtet werden? Der sowjetische Krieg gegen Finnland ab November 1939 lässt einen Nationalismus erstarken, der Finnland sogar zwei Jahre später an die Seite des Deutschen Reichs führt …
„Das Zwillingsgestirn Hitler-Stalin“
Die Ausstellung des Museums Karlshorst soll 2025 in der Ukraine gezeigt werden. Dort wie hier kann eine bessere Einschätzung des Krieges der stalinisierten UdSSR nicht schaden. Die tiefen Gründe, warum Stalin und die Bürokraten sich angesichts der bedrohlichen Weltlage so verhalten haben, müssen aber auch dabei berücksichtigt werden. Die Stalinisierung förderte nämlich einen Nationalismus besonderer Art, einen „Sowjetnationalismus“.
Darüber hinaus instrumentalisierte Stalin den Nationalismus der kleineren Nationen in Mitteleuropa (diese Instrumentalisierung nutzt auch gerne der heutige Imperialismus).
Lässt sich die stalinistische Diktatur mit der von Hitler vergleichen? Darüber schrieb Trotzki im Dezember 1939 einen ausgewogenen Text.3https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1939/12/zwilling.htm Nach der Kapitulation Frankreichs sechs Monate später betont er aber „Niemand hat Hitler so sehr geholfen wie Stalin“.
Lorenz Wassier, Berlin
Beitragsbild: Plakat der Sonderausstellung in Berlin-Karlshorst
