Vor 80 Jahren: Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald – Buchempfehlungen

Am 11. April 1945 erschallten im Konzentrationslager Buchenwald die unglaublichen, befreienden Worte „Kameraden, wir sind frei! Die SS ist geflohen. Haltet Ruhe im Lager, wir geben euch weitere Informationen.“ Die Worte kamen vom Lagerältesten, einem Kommunisten und Mitglied der internationalen Widerstandsgruppe innerhalb des Konzentrationslagers.

Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in Polen war bereits Ende Januar im Rahmen einer Offensive der Roten Armee befreit worden. 1.100.000 Menschen hatten dort den Tod gefunden in dem größten von den Nazis errichteten Vernichtungslager. Zu dieser grauenhaften Vernichtungsorganisation gehörten auch die Lager Treblinka, Sobibor, Majdanek und viele andere, die meisten davon in Polen. Buchenwald – ganz in der Nähe von Weimar in Thüringen – war kein vergleichbares Vernichtungslager. Es hatte vorrangig als „Schutzhaftlager“ und „Arbeitslager“ gedient, was aber unter der grausamen Herrschaft der Nazis für Zehntausende gleichwohl den sicheren Tod bedeutete.

Die Gewalttaten der Nazis gegen die politische Opposition und im horrenden Ausmaß gegen die Jüdinnen und Juden begannen, sobald sie 1933 in Deutschland an die Macht kamen. Aber erst im Zuge der Offensive der deutschen Truppen nach Osten wurden die Massaker an Jüdinnen und Juden zur Regel. Zunächst durch Massenexekutionen von Jüdinnen und Juden, die während der Invasion der Ukraine zusammengetrieben wurden: Zwischen 1941 und 1944 wurden auf diese Weise eineinhalb Millionen – Männer, Frauen, Kinder, alte Menschen – von den Einsatzgruppen (mobilen Tötungseinheiten der Waffen-SS) hingerichtet. Dann wurden neben den Konzentrationslagern, die für die Zwangsarbeit der Häftlinge bestimmt waren, auch Vernichtungslager errichtet. „Arbeit macht frei“ oder „Jedem das Seine“ verkündeten zynisch die Inschriften an den Toren vieler Konzentrationslager. Ab September 1941 begann die industrielle Tötung jüdischer Deportierter. Nach der Niederlage der deutschen Wehrmacht in der sogenannten „Schlacht von Stalingrad“ beschlossen die Nazi-Würdenträger auf der Wannsee-Konferenz Ende Januar 1942 die totale Vernichtung der Juden.

Die Nazis ließen das Konzentrationslager Buchenwald im Juli 1937 von Häftlingen anderer Lager gleich neben der Goethe-Stadt Weimar in Thüringen errichten. Zu den ersten Gefangenen gehörten politische Häftlinge, die im Widerstand gewesen waren, aber auch Homosexuelle, Zeugen Jehovas und „Arbeitsscheue“, Sinti und Roma und vor allem ab den Novemberprogromen 1938 abertausende Juden. Sie starben durch gezieltes Aushungern, durch die mörderische Zwangsarbeit in vorrangig Rüstungsbetrieben, medizinische Experimente und massenhafte Tötungen. Seit der Lagergründung im Juli 1937 war mehr als eine Viertelmillion Menschen aus über 50 Ländern in das Konzentrationslager Buchenwald oder eines seiner vielen Außenlager verschleppt worden. Rund 56.000 von ihnen überlebten nicht.

Anfang April 1945 waren im KZ Buchenwald noch ungefähr 48.000 Menschen inhaftiert. Angesichts der bei Gotha stehenden US-Armee begann die SS am 7. April mit der „Evakuierung“ des Lagers; es gelang ihr, trotz aller geschickten Verzögerungstaktiken der Widerstandsorganisation, etwa 28.000 Häftlinge auf sogenannte Todesmärsche zu schicken. Ab dem Morgen des 11. April 1945 stießen Panzerdivisionen der US-Armee aus der Gegend um Gotha in Richtung Osten vor. Gegen 10 Uhr erging in Buchenwald der Befehl an alle SS-Männer, das Lager zu verlassen. Das Widerstandskomitee mobilisierte seine Widerstandsgruppen und begann, versteckte Waffen zu verteilen. Gegen 16 Uhr hatten sie die Kontrolle über das Lager übernommen. Rund eine Stunde später betraten Aufklärer der 4. und 6. Panzerdivision als erste amerikanische Soldaten das Lager. 21.000 Häftlinge erlebten an diesem Tag ihre Befreiung.

„Nie wieder“ ein Völkermord!

Der systematische Vernichtungsprozess der Jüd:innen durch das NS-Regime („Holocaust“ oder „Shoah“ genannt, von einem hebräischen Wort, das „Katastrophe“ bedeutet) führte zur Auslöschung von 40 % der jüdischen Bevölkerung weltweit und von zwei Dritteln der jüdischen Bevölkerung auf dem alten Kontinent. Es war nicht der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Zuvor hatten zwischen 1904 und 1911 die deutschen Kolonialtruppen 80 % der Herero und Nama, zwei afrikanische Völker, auf dem Gebiet des heutigen Namibia ausgerottet, und das Regime der Jungtürken hatte zwischen 1915 und 1923 1,2 Millionen Armenier in Anatolien und Westarmenien liquidiert. Oder vergessen wir nicht die Vernichtungsfeldzüge der europäischen Kolonisten gegen die indigenen Bevölkerungen auf dem amerikanischen Kontinent und Australien ab dem 16. Jahrhundert. Aber das Besondere im Fall von Nazideutschland ist, was das erschütternde Grauen ausmacht, dass eine große Industriemacht alle ihr zur Verfügung stehenden modernen Mittel einsetzte (insbesondere Transport, Logistik, chemische Industrie, Schaffung gigantischer Infrastrukturen usw.), um eine Zivilbevölkerung – Frauen, Männer, Kinder, alte Menschen – mit dem erklärten Ziel zu vernichten, sie vollständig auszulöschen. Das Vernichtungswerk der Nazis zeichnet sich durch seinen industriellen, bürokratischen und systematischen Charakter aus.

Der Völkermord an den Jüdinnen und Juden hat uns gezeigt, welches Ausmaß an Grausamkeit eine kapitalistische Gesellschaft in der Krise erreichen kann. Wenn es uns nicht gelingt, ihn zu stürzen und auf seinen Trümmern eine neue, gerechtere und menschlichere Gesellschaft zu schaffen, die den Krieg nicht mehr in sich trägt, wie die Wolke das Gewitter (um den Sozialisten Jaurès zu zitieren), sind weitere Völkermorde möglich. Die Henker werden noch effizienter sein mit ihren noch tödlicheren Techniken: Gesichtserkennung, Künstliche Intelligenz-Systeme, komplexe bewaffnete Drohnensysteme, chemische Kampfstoffe, bunkerbrechende tonnenschwere Bomben und Atombomben…

Die Aufgabe ist heute so dringend wie nie, für den Sturz des Kapitalismus zu kämpfen. Das heißt selbstverständlich auch, gegen das Gift des Antisemitismus zu kämpfen, das sich noch immer weiter verbreitet.

Aber das heißt auch, sich gegen diejenigen zu wenden, die das Grauen der Nazi-Herrschaft gegen die Jüdinen und Juden heute missbrauchen, um die Kriege des Staates Israel gegen seine Nachbarländer und dessen völkermörderischen Krieg gegen das palästinensische Volk zu rechtfertigen.

Von den Feierlichkeiten anlässlich des 80. Jahrestages der Befreiung des KZ Buchenwald wurde der deutsch-israelische Philosoph Omri Boehm wieder ausgeladen. Auf Druck des israelischen Botschafters! Die „Schuld“ des Philosophen bestand darin, dass er es gewagt hatte, auf die Idee zu kommen, aus dem Grauen der Geschichte abzuleiten, dass Menschenrechte was Universelles sind und daher… auch den Palästinenser:innen zustehen. Mit dieser Meinung ist der Philosoph ganz auf derselben Linie, wie alle UNO-Organisationen und internationalen sowie israelischen Menschenrechtsorganisationen. Doch der israelische Staat, der das Gedenken an den Holocaust missbraucht, um das Verbrechen gegen die Palästinenser:innen zu rechtferigen, verfolgt seine Kritiker überall. Der deutsche Staat leistet Hilfe. Doch ein Völkermord rechtfertigt keinen anderen. „Nie wieder“ für niemanden!

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Hier ein paar Bücher, die man gelesen haben sollte, wenn man mehr über dieses schreckliche Kapitel der Menschheitsgeschiche erfahren möchte (natürlich ist die Liste weit davon entfernt, eine vollständige Übersicht guter Bücher geben zu können):

André Schwarz-Bart: Der Letzte der Gerechten

David Rousset: Das KZ-Universum

Elie Wiesel: Die Nacht

Primo Levi: Wann, wenn nicht jetzt?

Primo Levi: Ist das ein Mensch?

Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden (3 Bände)

Art Spiegelmann: Die vollständige Maus

Jean-François Steiner: Treblinka

Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen

Beitragsbild: https://www.buchenwald.de/geschichte/mediathek/fotogalerie/ardean-miller

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