
Am 30. April 1975 erreichten nordvietnamesische Truppen und Einheiten der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams (bekannter als Vietcong) die sudvietnamesische Hauptstadt Saigon, die später in Hoh Chi Minh-Stadt umbenannt wurde. Dieser Sieg bedeutete das Ende einen Krieges, der 20 Jahre vorher angefangen hatte, und als die erste bedeutsame Niederlage der US-Imperialismus gilt.
Vom Indochinakrieg zum Vietnamkrieg
Der Krieg begann 1955, ein Jahr nach dem Pariser Abkommen (Juli 1954), in dem der französische Imperialismus, der von den Vietnamesen nach der Schlacht von Diên Biên Phu einige Monate zuvor endgültig besiegt worden war, das Land zusammen mit seinen anderen Indochina-Kolonien Laos und Kambodscha verlassen hatte. Vietnam wurde daraufhin entlang des 17. Breitengrades in zwei Teile geteilt, wobei der Norden von der Kommunistischen Partei Hồ Chí Minhs und der Süden von einem pro-imperialistischen Regime kontrolliert wurde, das die Unterstützung der USA erhalten sollte.
Diese amerikanische Präsenz war zunächst diskret und beschränkte sich auf die Entsendung von Militärberatern, die die Armee unter der Führung des Diktators Ngô Đình Diệm unterstützen sollten, der schließlich 1963 bei einem Staatsstreich, dem zahlreiche weitere folgten, ermordet wurde. Dann wurde nach und nach die Zahl des US-Militärs erhöht und die Zahl der Stützpunkte vervielfacht.
Gleichzeitig führte die gegenüber der Bevölkerung feindliche und repressive Politik von Diêm und seinen Nachfolgern zu einer tiefen Unzufriedenheit im Land, was 1960 zur Gründung des Vietcongs führte. Nach und nach vervielfachten sich die Guerillakämpfe und richteten sich sowohl gegen südvietnamesische als auch gegen amerikanische Truppen.
Die Zwischenfälle im Golf von Tonkin und der offene Krieg
1964 nahm der demokratische US-Präsident Lyndon Johnson (der Kennedys Nachfolger geworden war und die gleiche Politik verfolgte) einen Zwischenfall auf See zum Vorwand, um einen groß angelegten Krieg zu beginnen. Am 2. August desselben Jahres kam es im Golf von Tonkin zu einem kurzen Gefecht zwischen zwei amerikanischen Zerstörern und zwei nordvietnamesischen Torpedobooten. Die Schäden waren minimal. Washington erklärte jedoch, dass die USA den „Affront“ nicht folgenlos lassen könnte und dass man inmitten des Kalten Krieges die „kommunistische Bedrohung“ um jeden Preis eindämmen müsse. Johnson startete die Operation „Rolling Thunder“ (Donnergrollen), bei der über Jahre hinweg Millionen Tonnen von Bomben auf Nordvietnam abgeworfen wurden, unter anderem mit Napalm, Chemikalien und Entlaubungsmitteln, um einen Großteil der Ernte und der Wälder zu zerstören und gleichzeitig Dutzende Millionen Menschen für Jahre zu vergiften. Gleichzeitig schickten die USA Hunderttausende von Soldaten in das Land. Zwischen 1965 und 1972 wurden schätzungsweise mehr als 3,5 Millionen GIs, hauptsächlich Wehrpflichtige, turnusmäßig nach Vietnam geschickt, um dort zu kämpfen, unterstützt von Verstärkung aus Australien, Südkorea, Thailand und den Philippinen.
Die Nordvietnamesen und der Vietcong ließen sich jedoch nicht davon abhalten, ihre Offensive im ganzen Land fortzusetzen und auszuweiten. Sie transportierten vor allem Material und Waffen über den „Ho-Chi-Minh-Pfad“, einen notdürftig unter Bomben errichteten, 2000 Kilometer langen Verbindungsweg, der die beiden Teile Vietnams über Laos und Kambodscha, die ebenfalls von Bürgerkriegen geplagt waren, miteinander verband. Diese vietnamesischen Streitkräfte erhielten materielle, militärische und politische Unterstützung von China und der UdSSR.
Die Tet-Offensive mischt die Karten neu
Einer der Wendepunkte in diesem Krieg war Ende Januar 1968 die Tet-Offensive, die am Vorabend der Feierlichkeiten zu Tet, dem Neujahrsfest nach dem Mondkalender, gestartet wurde. Im Süden griffen 80.000 nordvietnamesische Soldaten gleichzeitig mehr als 100 Städte und US-Stützpunkte an. In Saigon griffen sie die US-Botschaft an und konnten sich einen Monat lang in der Kaiserstadt Hue halten.
Militärisch gesehen war die Offensive nur ein halber Erfolg, denn nach tagelangen heftigen Kämpfen gewannen die Amerikaner und Südvietnamesen wieder die Oberhand. Auf politischer Ebene sieht es jedoch anders aus. Die Operation zeigte der Weltöffentlichkeit und insbesondere der amerikanischen, dass der Imperialismus nach Jahren des Krieges nicht in der Lage war, das Land zu halten, und dass die Aufständischen keineswegs, wie von Washington behauptet, am Ende ihrer Kräfte waren, sondern in der Lage, dort wann immer sie wollten zuzuschlagen.
Dies wird die Antikriegsbewegung in den USA selbst, aber auch in der ganzen Welt, wo die Unterstützung für das vietnamesische Volk wächst, erheblich stärken.
Während 1965 nur 15.000 Menschen am ersten Antikriegsmarsch in Washington teilnahmen, waren es zwei Jahre später über 100.000, die in New York auf die Straße gingen. Eine zentrale Rolle bei diesen Demonstrationen spielten Student:innen, die sich unter anderem in den Students for a Democratic Society (Studenten für eine demokratische Gesellschaft) zusammenschlossen, sowie ehemalige Soldaten der Veterans Against the War-Bewegung, afroamerikanische Black Power-Aktivist:innen, Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung und linke Aktivist:innen. Die Aktionen des zivilen Ungehorsams (Vernichtung von Wehrpässen, Weigerung, Einberufungen der Armee Folge zu leisten, Kriegsdienstverweigerung, Desertion) nehmen zu und werden von bekannten Persönlichkeiten wie Martin Luther King, dem Boxer Muhammad Ali, den Künstlern Joan Baez und Bob Dylan usw. unterstützt. Ein Zeichen der Zeit: Der Republikaner Richard Nixon ließ sich 1969 zum Präsidenten wählen und versprach, den Konflikt zu beenden und „die Jungs nach Hause zu bringen“.
Das Pariser Abkommen und das Ende des Krieges
Nach der Tet-Offensive kam es zu einem Wendepunkt im Krieg, als die USA offen über den Abzug ihrer Truppen nachdachten. Der schrittweise Abzug begann im Juli 1969 und 1972 waren nur noch 24.000 US-Soldaten im Land. Am 30. Januar desselben Jahres beschloss Washington, die Bombenangriffe auf Nordvietnam einzustellen und den Krieg zu „vietnamesieren“, indem es seine Unterstützung für Saigon verstärkte. Schließlich wurde im Januar 1973 das Pariser Abkommen unterzeichnet, das das Ende der amerikanischen Präsenz offiziell besiegelte und die vietnamesische Volksarmee und den Vietcong auf der einen und die südvietnamesische Armee auf der anderen Seite gegenüberstellte. Innerhalb von zwei Jahren wurde letztere, die keinen Rückhalt in der Bevölkerung hatte und ziemlich demoralisiert war, besiegt. Nach dem Fall von Saigon wurde das Land unter der Herrschaft von Hanoi vereinigt.
Der Krieg war zwar eine vernichtende Niederlage für den US-Imperialismus, aber auch eine Tragödie für das vietnamesische Volk. Sein Land lag in Trümmern und die Zahl der Toten ging in die Millionen (manche Schätzungen gehen von 4 Millionen aus). Doch der Mut und die Widerstandsfähigkeit, die die Bevölkerung in den zwei Jahrzehnten des Konflikts bewiesen hatte, waren eine Inspiration für viele Kolonialvölker, die um ihre Unabhängigkeit kämpften.
Beitragsbild: https://www.theguardian.com/world/2025/apr/30/vietnam-war-over-saigon-gives-in-with-sigh-of-relief-1975
