Totgeweiht aber auferstanden? Wie erklären Marxist*innen Religion?

Obwohl Religionen – oberflächlich betrachtet – eine altertümliche Sache sind und viele religiöse Lehren durch die Wissenschaft widerlegt sind, scheinen Religionen alles andere als „tot“ zu sein. Im Gegenteil zeigt diese Ausgabe der Aurora, dass Menschen aus religiösen Überzeugungen Terroranschläge verüben oder Frauen das Recht über ihren eigenen Körper verweigern. Die katholische Kirche ist dieser Tage wieder wegen des jahrzehntelangen Missbrauchs ihrer Priester an Kindern in der Presse. Offenbar scheint die Religion nicht durch „Aufklärung“ allein zu verschwinden, so wenig wie Kirchen, Moscheevereine oder andere Gemeinden. Wieso ist das so?

Die Kritik der Religion ist ein Ausgangspunkt des Marxismus. Schon vor dem „Kommunistischen Manifest“ analysierte Marx 1844 die Religion. Für ihn hörte deren Kritik nicht mit Vorwürfen an eine korrupte Kirche auf, auch wenn er zeitlebens ein Feind aller religiöser Institutionen blieb. Aber die Kirchen oder Moscheen sind nicht der Kern des Problems.

Für Marx ist der Mensch nie ein „Einzelwesen“ sondern ein soziales Wesen, dessen Vorstellungen von sich und der Welt in den gesellschaftlichen Zuständen wurzeln, in denen er lebt. Wenn also Menschen religiös sind, wenn Religionen auch im 21. Jahrhundert großen Einfluss haben und diesen sogar ausbauen, dann gibt es gesellschaftliche Zu-stände, die Menschen dazu bringen, sich in Religionen Trost und Sicherheit durch „göttliche“ Autoritäten zu suchen. Marx drückte es in seinem berühmten Zitat so aus: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. […Die Religion] ist das Opium des Volkes.“ (Karl Marx, 1844)

Die meisten Religionen versprechen im Jenseits das „wahre Leben“ in Sicherheit, Liebe und Geborgenheit, das auf Erden in dieser Gesellschaft für die meisten unmöglich ist. Der Kapitalismus schafft eine dauernde Unsicherheit aller Verhältnisse (Verdrängung durch Maschinen, Erwerbslosigkeit, Wirtschafskrisen, …) und lässt den Menschen in der Konkurrenz aller gegen alle vereinsamen. Die kapitalistische Produktion entfremdet die Arbeitenden ihren Produkten und lässt die von der Arbeiter*innenklasse geschaffenen Produkte – in Form von Kapital und Maschinen – als Feind erscheinen. Eine solche Welt des – psychischen aber auch materiellen – Elends schreit nach Veränderung… oder, wenn diese nicht möglich erscheint nach religiöser Tröstung. Für Marx endet die Kritik der Religion damit auch nicht im Spott über Gläubige, sondern in der Forderung die kapitalistische Gesellschaft zu überwinden. Dann erst stirbt auch die Religion ab.

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