Streik für kleinere Klassen

Am Mittwoch, dem 6. Oktober sind in Berlin 500 Lehrkräfte in einen eintägigen Warnstreik getreten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) rief 28 Berliner Schulen auf, sich am Streik zu beteiligen. Da gerade in Berlin Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer neuen Regierung stattfinden, fuhr die Fahrraddemo vor die Parteizentralen von Grünen, FDP, SPD und Linkspartei. Die Landesparteizentrale der CDU konnte nicht angefahren werden, weil sie wegen der steigenden Mieten an den Stadtrand umgezogen ist.

Kleinere Klassen – besser für alle

Bereits seit 2018 versucht die Berliner GEW einen Tarifvertrag zum Thema Ge­sundheitsschutz in die Wege zu leiten. Die Idee stammt aus der Krankenhaus­bewegung, die seit Jahren einen festen Personalschlüssel zwischen Pati­ent:innen und Beschäftigten tariflich re­geln will. Bisher hatte die Gewerkschaft wegen Corona darauf verzichtet zu Streiks aufzurufen. Dies soll sich in den nächsten Monaten ändern. Um die Prob­leme und Forderungen der Berliner Lehrkräfte zu verstehen, hat die GEW im Januar 2021 eine Befragung durchge­führt, an der sich 2000 Beschäftigte be­teiligten. Die Antworten waren recht eindeutig. 67,9 % der Befragten nehmen große Lerngruppen als größten Faktor für die Arbeitsbelastung war, weit vor Personalmangel (46,6 %), schlechter technischer Ausstattung (45,5 %) oder Lärm (45,1 %). Corona und die daraus resultierende Teilung der Klassen im letzten Schuljahr zeigten das Potenzial kleinerer Klassen. Schüler:innen können ungestörter lernen, werden häufiger wahrge­nommen und neben einer effektiveren Lernzeit bleibt in kleineren Klassen auch mehr Zeit dafür, mit Schüler:innen wirklich zu sprechen und ihre Sorgen und Probleme ernst zu nehmen. Dadurch kann in kleineren Klassen indi­vidueller gefördert werden.

Konkret sehen die Forderungen wie folgt aus. In der Grundschule (in Berlin 1. bis 6. Klasse) sollen maximal 19 Schüler:innen pro Klasse lernen, im 7. Jahrgang 21, in der achten bis dreizehnten Klasse sollen es 24 sein dürfen und in Leistungskursen maximal 17. Heute sind es oft deutlich mehr. Aber nicht nur das, auch die An­zahl an Schulsozialarbeiter:innen und Schulpsycholog:innen soll geregelt werden.

Die Unzufriedenheit wächst

Die Wut und der Frust vieler Kolleg:innen sind groß. Corona hat die Probleme des Bildungssystems sehr deutlich gezeigt. Kinder aus finanziell schwachen Familien haben zum Teil komplett den Anschluss verloren. Lehrer:innen, Schüler:innen und insbe­sondere die Schulen sind für den digi­talen Unterricht schlecht vorbereitet und ausgestattet. In Berlin hat es gut ein Jahr gedauert, bis Lehrkräfte ein Dienst­tablet bekommen haben. Die technische Ausstattung ist oft eine Katastrophe.

Von den Parteien ist wenig zu erwarten. Zwar schreiben alle in ihren Partei­programmen etwas von besserer Bildung und mehr Geld für Schulen, nur konkret wird es sehr selten. Die Pandemie hat außerdem gezeigt, dass von den schnell versprochenen Geldern am Ende nur wenig in den Schulen angekommen ist. Und wenn, dann wurden Millionen für „Digitalisierung“ in den Rachen der Computer- und Internetkonzerne ge­worfen – Datenschutz, Schüler:innen-rechte oder kritische (Medien-)Bildung bleiben auf der Strecke. Ob es am Ende zu einer Verbesserung der Situation an den Schulen kommt, liegt vor allem daran, wie viele Lehrkräfte sich am Streik beteiligen und ob sie am besten noch Eltern und Schüler:innen mit ins Boot holen. 

Von Karl Gebhard, Berlin

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