
Die Welt erlebt derzeit einen neuen Aufschwung sozialer Revolte: Von den USA über Frankreich, Serbien, Marokko, Nepal, Indonesien, Tansania bis nach Madagaskar, Peru und Italien brodelt es auf den Straßen. Besonders auffällig sind die neuen Protestbewegungen in Südostasien, wo auf die Aufstände in Sri Lanka und Bangladesch in den Jahren 2022 und 2024 neue Erhebungen folgen. Symbolträchtig schwenken Demonstrierende die Flagge von Ruffys Strohhutpiraten aus dem populären Manga „One Piece“ – ein Banner, das nicht nur in Nepal und Indonesien zum Zeichen der Aufstände geworden ist.
Was diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen verbindet, ist nicht nur das Alter oder ein Manga-Symbol, sondern vor allem ihre Ablehnung der blockierten Zukunft, die der Kapitalismus und seine korrupten Eliten ihnen aufzwingen. Eine ganze Generation erkennt zunehmend, dass die Demokratie, für die ihre Eltern gekämpft haben, nicht funktioniert. Gewählte „Volksvertreter“ plündern mit ihren milliardenschweren Freunden weiter die öffentlichen Kassen.
Der grausame Genozid in Gaza, mit Zehntausenden Toten und offenen Kriegsverbrechen, zeigt die zynische Doppelmoral des Westens, namentlich der USA, Frankreich, Deutschlands und Italiens . Sie unterstützen einen mörderischen Krieg, während sie sich nach außen als „Verteidiger der Demokratie“ inszenieren. Diese Verlogenheit legt sich als bittere Erkenntnis über Millionen von Menschen weltweit.
Und so entstehen Protestwellen, die verschiedene Ursachen haben, sich aber in einem gemeinsamen Willen zur Veränderung vereinen – überall treten neue junge Kräfte auf die politische Bühne und fordern radikale Umbrüche.
Nepal – Aufstand der Jugend gegen Korruption und Arroganz
In Nepal entluden sich Anfang September heftige Proteste, die aus Wut auf die korrupten Eliten entstanden. Innerhalb von nur 48 Stunden wurde die Regierung gestürzt. Einkaufszentren wurden geplündert, die Residenz einer ehemaligen „First Lady“ niedergebrannt, ein Finanzminister von der Menge misshandelt und in einen Fluss gejagt. Einige korrupte Politiker konnten nur durch Hubschraubereinsätze „gerettet“ werden. Sie wurden von Demonstranten verfolgt, auf Plakaten waren ihre Köpfe abgebildet mit dem Spruch „Tot oder lebendig gesucht“. Die Zweitägigen Unruhen in Kathmandu waren eine der intensivsten Ausbrüche sozialer Revolte der letzten Jahre.
Ursprünglich begannen die Jugendproteste als Reaktion auf die Abschaltung von sozialen Medien und endete als Revolte gegen die Misswirtschaft und die Privilegien einer kleinen, reichen Elite. Trotz brutaler Gewalt seitens der Regierung – am 8. und 9. September wurden 72 Menschen bei Protesten ermordet – ließ sich die Jugend nicht einschüchtern und reagierte darauf, indem sie Regierungsgebäude und Polizeistationen in Brand steckte.
Schlussendlich übernahm die Armee die Kontrolle der Straßen und setzte Panzer und Stacheldraht ein, um das Regime zu schützen. Es wurde versucht den Schein einer Demokratie zu wahren: Eine ehemalige Richterin des Obersten Gerichtshofs, bekannt für Antikorruptionsarbeit, wurde als neues Gesicht der Regierung installiert.
Die Bewegung konnte trotz massiver Repression rasch an Dynamik gewinnen. Organisiert wurden die Proteste stark über die Plattform Discord – ein Zeichen dafür, wie die Gen Z sich vernetzt und mobilisiert.
Indonesien – Widerstand gegen Sozialabbau und politische Repression
In Indonesien kam es zu Protesten gegen massive Haushaltskürzungen, die vor allem auf Kosten der Bildungs- und Sozialbudgets gingen. Der Staatshaushalt sollte um 20% gekürzt werden. Um die Haushaltskürzungen zu bewältigen beschlossen Lokalpolitiker:innen die obligatorischen Abgaben um 250 Prozent zu erhöhen – was explosionsartig Widerstand hervorrief.
In Jakarta protestierten Tausende Schüler:innen und Studierende stundenlang gegen die Polizei, unterstützt von einem Teil der Stadtbevölkerung. Die brutale Verhaftungswelle führte zur sozialen Radikalisierung. Als die Polizei einen Motorradtaxifahrer – einen Plattformarbeiter – erschoss, schlossen sich Plattformarbeiter*innen, eine prekäre, oft ausgebeutete Arbeitergruppe, massenhaft den Protesten an. In den sozialen Medien waren Polizisten zu sehen, die entwaffnet wurden, die Kontrolle über ihre Fahrzeuge verloren und sich vor Menschenmengen zurückziehen mussten. Das waren die Bilder die dazu führten, dass sich die Proteste sich auf viele Städte ausweiteten.
Die Revolte erreichte einen Punkt, als regionale Parlamente und Politikerhäuser angegriffen, Verwaltungsgebäude in Brand gesetzt wurden. Luxusresidenzen von Politikern wurden überfallen – sogar die Katzen eines bekannten Abgeordneten wurde gestohlen – ein symbolischer Akt der Verachtung der herrschenden Politik, den der Präsident Indonesiens präsentierte seine eigene Katze immer wieder im Fernsehen.
Die indonesische Armee verhielt sich vergleichsweise neutral, Spaltungsversuche der Gewerkschaften, die das Regime unterstützen, zeigten die Schwierigkeiten einer organisierten Gegenwehr. Die jungen Protestierenden, oft selbstorganisiert und unabhängig kämpfen für grundlegende soziale Rechte und gegen die bestehende Klassenherrschaft.
In Indonesien waren es die Plattformarbeiter*innen, von denen es vier Millionen im Land gibt, von denen viele an vorderster Front der Mobilisierungen standen. Sie haben eine gewisse Kampferfahrung, denn während der Epidemie hatten diese ohne Vertrauen in die korrupten Gewerkschaftsstrukturen etwa fünfzig wilde Streiks organisiert, an denen sich Zehntausende von Arbeiter:innen beteiligten, die oft mehrere Tage dauerten und manchmal siegreich waren
Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Perspektiven der globalen jungen Revolte
Diese weltweiten Proteste eint vor allem der Kampf gegen Korruption, für demokratische Rechte und politische Freiheiten. Die Jugend nutzt soziale Medien und digitale Plattformen wie Discord, TikTok oder andere, um zu mobilisieren und zu organisieren.
In Indonesien, aber auch in Peru spielten prekarisierte Teile der Arbeiter:innenklasse, vor allem Plattformarbeitende eine wichtige Rolle. Die Zahl der Arbeiter:innenklasse steigt weltweit, oft mangelt es ihr aber noch an Kampferfahrung und Organisierung.
Doch trotz der gemeinsamen Forderungen fehlt eine einigende, starke Organisation, die die vielfachen Bewegungen bündeln und in eine klare politische Richtung lenken könnte. Die Proteste bergen ein großes Potenzial zur Selbstermächtigung, aber die Gefahr ist auch groß, dass autoritäre Kräfte wie die Armeen der Staaten die Kontrolle übernehmen und die Bewegungen kanalisieren oder zerschlagen.
Die Frage bleibt: Ist der Aufbruch der Gen Z ein Vorbote einer grundlegenden gesellschaftlichen Transformation hin zu echter Demokratie und sozialer Gerechtigkeit? Oder werden die Aufstände von reaktionären und militärischen Kräften vereinnahmt, die letztlich den Status quo bewahren? Und schaffen wir es Organisationen aufzubauen, die langfristig die Erfahrungen der Kämpfe kanalisieren und neben der Jugend auch die Arbeiter:innenklasse organisiert.
Gen Z an der Macht? – Ein Anfang, kein Ende
Die Proteste in Ländern wie Sri Lanka, Bangladesch, Madagaskar und Nepal haben bereits Regierungen gestürzt und teilweise junge Leute in Ministerämter gebracht. Doch Ausbeutung und Korruption existieren weiterhin. Der Staatsapparat mit seiner Polizei und Armee beherrscht das Spiel zwischen Zuckerbrot – Reformversprechen – und Peitsche – Ausgangssperren und Kriegsrecht. Das zeigt sehr deutlich, dass der Sturz einer verhassten Regierung nicht ausreicht, um die sozialen Probleme zu lösen.
Nur die Macht der Arbeiter:innenklasse, radikal und konsequent gegen das bürgerliche Eigentum gerichtet, kann die Wurzeln der Ausbeutung wirklich ausrotten und eine Gesellschaft jenseits der kapitalistischen Verwertungslogik schaffen.
Die Gen Z trägt den Funken sozialer Revolte auf die Straßen und Plätze weltweit. Doch der Kampf hat gerade erst begonnen.
Karl Gebhardt, Berlin
