
Die weltweite Solidarität mit Palästina wächst – auf kleinen Parkplatzkonzerten ebenso wie auf großen Festivalbühnen waren palästinasolidarische Statements von Bands in diesem Sommer nicht zu überhören. Immer mehr Künstler:innen nutzen ihre Reichweite, um gegen den Genozid in Gaza Stellung zu beziehen und sich klar gegen den zionistischen Staatsapparat und dessen europäische Unterstützer:innen zu positionieren.
Die weltweite Solidarität mit Palästina wächst – auf kleinen Parkplatzkonzerten ebenso wie auf großen Festivalbühnen waren palästinasolidarische Statements von Bands in diesem Sommer nicht zu überhören. Immer mehr Künstler:innen nutzen ihre Reichweite, um gegen den Genozid in Gaza Stellung zu beziehen und sich klar gegen den zionistischen Staatsapparat und dessen europäische Unterstützer:innen zu positionieren.
Die britische Band Massive Attack ist ein prägnantes Beispiel für langjährige Solidarität. Seit Jahren unterstützen sie palästinensische Camps in Gaza, im Westjordanland und im Libanon mit Spendengeldern. Doch ihr Engagement geht darüber hinaus: Bereits seit 1999 boykottieren sie Auftritte in Israel und stellen sich damit öffentlich gegen die Unterdrückung der Palästinenser:innen. Ihre Haltung ist konsequent und ein deutliches Zeichen in einer Branche, in der politischer Widerstand oft mit massiven Konsequenzen verbunden ist. Auch die schwedische Posthardcore-Band Refused zeigt klare Kante. Ihre Abschiedstournee steht unter dem Motto „This is what our ruling class has decided will be normal“, eine direkte Kritik am kapitalistischen und unterdrückenden System. Ihre Konzerte versteht die Band als „Statement about Palestine and capitalism“.
The kids are allright
Musik wird hier zum Instrument politischer Aufklärung. Diese Botschaften erreichen eine junge Generation, die sich nicht länger mit der Komplizenschaft ihrer Regierungen abfinden will. Auf zahlreichen Festivals prägen Keffiyehs und Palästina-Fahnen das Bild – die Solidarität ist sichtbar und laut. Die politische Klarheit des Publikums ist unübersehbar: Es steht auf der Seite Palästinas.
Kneecap – Rap aus Belfast
Besonders auffällig ist in letzter Zeit die Rapgruppe Kneecap aus Belfast. Mit Songs auf Gälisch setzen sie sich gegen britische Unterdrückung ein und solidarisieren sich klar mit Palästina. Ihre Konzerte in europäischen Städten sind gesäumt von Palästina-Fahnen. Beim Glastonbury-Festival versuchte die britische Regierung, ihren Auftritt zu verhindern – vergeblich: Zehntausende, darunter viele junge, queere Menschen, reisten an und verwandelten das Konzert in eine machtvolle Demonstration gegen den Genozid. Neben „Free Palestine“ wurde lautstark „Fuck you Starmer“ gerufen – ein deutlicher Protest gegen die britische Regierung.
Natürlich ließ die Repression nicht auf sich warten. Zensur und Strafverfolgung wurden zur Antwort auf den musikalischen Protest. Die BBC verweigerte die Übertragung des Kneecap-Auftritts und zeigte stattdessen die Londoner Gruppe Bob Vylan, deren Performance ebenfalls politische Sprengkraft hatte. Gemeinsam mit dem Publikum rief Bob Vylan nicht nur „Free Palestine“, sondern auch „Death, Death to the IDF“. In der Folge wurden gegen beide Bands Gerichtsverfahren eingeleitet, Konzerte abgesagt und Touren storniert. Kneecap wurde unter anderem vom Hurricane und Southside ausgeladen; in Ungarn verweigerte die Orbán-Regierung die Einreise. In Österreich wurden ein Screening des Kneecap-Film11Im autofiktionalen Film Kneecap von 2024, in dem die Bandmitglieder sich selbst spielen, wird die Entstehungsgeschichte der Band im Kontext der Unterdrückung des Irischen in Nordirland und der sozialen Lage der Jugend gezeigt. 2025 wurde der Film von Irland als Beitrag für den besten internationalen Film bei den Oscars eingereicht. sowie ein geplantes Konzert auf Druck rechter und liberaler Parteien kurzfristig gestrichen.
Repression und Solidarität
Doch auch in Österreich regt sich Widerstand: Am Tag des abgesagten Konzerts fand unter dem Titel „Vienna for Palestine“ ein Solidaritätskonzert statt. Dass dieses Konzert schnell ausverkauft war, ist ein klares Signal, dass Repression auf Widerstand trifft. Massive Attack reagierte auf die Einschüchterungskampagnen mit der Gründung einer Allianz für Musiker:innen, die sich für Palästina einsetzen und dadurch mit Repression konfrontiert sind. Ziel ist es, insbesondere junge Künstler:innen zu schützen, die sich in einer verletzlichen Phase ihrer Karriere befinden. Dabei weisen sie auchauf organisierte Gruppen wie die UK Lawyers For Israel hin, die gezielt Einschüchterungsversuche gegen Bands starten2Das britische Aktivist*innenkollektiv Led By Donkeys hat am 17. Juli 2025 einen neuen Dokumentarfilm veröffentlicht, der dokumentiert, wie UK Lawyers for Israel (UKLFI) mit rechtlichen Drohungen versucht hat, Solidarität mit Palästina in der Musikbranche zu unterdrücken. Der Film wurde öffentlich projiziert und zeigt, wie UKLFI gezielt Veranstaltungen abgesagt oder Künstler*innen eingeschüchtert hat, indem sie Solidaritätsaktionen als „antizionistisch“ oder rechtswidrig bezeichneten. Der Film findet sich bei YouTube unter dem Titel UK Lawyers for Israel.².
Der Eurovision Song Contest – Politisches Schlachtfeld
Ein weiteres Beispiel für das politische Spannungsfeld der Musik ist der Eurovision Song Contest (ESC). Der ESC ist nicht nur ein Großereignis der Popkultur, sondern auch ein politischer Austragungsort. 2022 gewann die Ukraine, Russland wurde ausgeladen. 2024 schickte Israel mit massiver staatlicher Unterstützung3³„Israel astroturfed Eurovision vote but lost anyway, govt admits“, The Grayzone, 14. Mai 2024 — Der Artikel berichtet, dass das israelische Außenministerium und das Regierungs-Werbebüro eine koordinierte Kampagne durchführten, bei der Fans in mehreren europäischen Ländern (u. a. Deutschland, Frankreich, Spanien sowie Tschechien, Estland, Albanien, Georgien) aufgefordert wurden, ihr maximales Stimmenbudget (bis zu 20 Stimmen) für Eden Golan abzugeben. Diese Mobilisierung umfasste YouTube-Werbung, mehrsprachige Posts von Botschaften und Konsulaten sowie gezielte Ansprache vorwiegend Eurovision-affiner Zielgruppen. https://thegrayzone.com/2024/05/14/israel-astroturfed-eurovision-vote/ Eden Golan ins Rennen – begleitet von Protesten wegen des Gaza-Kriegs. 2025 folgte Yuval Raphael, eine Überlebende des Hamas-Angriffs auf das Supernova-Festival. Auch hier gab es Manipulationsvorwürfe.
Gleichzeitig zeigte sich beim ESC ein deutlicher Widerspruch zwischen queerer Sichtbarkeit und politischer Repression. Zwar gewinnen zunehmend queere Künstler:innen – 2024 etwa Nemo aus der Schweiz, 2025 JJ aus Österreich –, doch gleichzeitig wurden politische Symbole wie Regenbogenfahnen untersagt. Als JJ öffentlich die Teilnahme Israels am ESC kritisierte, brach ein Shitstorm los. JJ stellte die Frage, warum Israel als Aggressor nicht – so wie Russland – ausgeschlossen werde. Nemo unterstützte diese Forderung in einem offenen Brief, der von über 70 ESC-Teilnehmer:innen unterzeichnet wurde. Aktuell haben der spanische und der irische Rundfunkt die Auslandung Israels gefordert, andernfalls würden sie nicht am ESC teilnehmen.
Kunst und Revolution
Dieser Widerspruch zeigt, dass Kunst sich immer im Spannungsfeld politischer Kämpfe befindet. Kunst war nie neutral, sie war stets auch Ausdruck von Widerstand. Von Arbeiter:innenliedern über Musik kolonial unterdrückter Völker bis hin zu Hip-Hop und Punk zieht sich ein roter Faden durch die Geschichte der politischen Musik. Sie ist ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse und ein Medium der Unterdrückten. Immer wieder jedoch versuchten Staaten, diesen Ausdruck von Widerstand durch Zensur, Verbote und Standardisierung zu unterdrücken – etwa beim Rock’n’Roll in den 1950er- und 1960er-Jahren in Deutschland – oder direkt als Propagandainstrument zu benutzen.
Heute wächst eine neue Jugendbewegung, die ihre Solidarität mit Palästina nicht nur politisch, sondern auch musikalisch artikuliert. Ihr kultureller Ausdruck schafft neue Räume des Widerstands – jenseits staatlicher Repression und medialer Hetze. Diese Bewegung verbindet Antikolonialismus, Antikapitalismus und queeren Widerstand und stellt die bestehenden Verhältnisse infrage. Ihr Erfolg hängt davon ab, ob sie den Kampf gegen den Genozid mit dem Kampf gegen die kapitalistischen und imperialistischen Zentren verbindet – und diesen Kampf gemeinsam mit der Arbeiter:innenbewegung führt.
Hanna Latz, Berlin, Florian Weisel, Wien
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