Michael Moore: Fahrenheit 11/9

Der 2018 erschienene Dokumentarfilm des linken amerikanischen Filmemachers bezieht sich auf den am 09.11.2016 verkündeten Wahlsieg Trumps. Auf seine bekannte reißerische Art sieht er sich an, wie es zur Präsidentschaft Trumps kommen konnte. Er meint, dass für DemokratInnen wie RepublikanerInnen der Sieg von Hillary Clinton klare Sache war und ihre Niederlage für viele unerklärlich scheint. Deshalb nimmt er sich die Demokratische Partei vor und stellt die Frage, wieso diese Partei nicht von der Masse der Arbeitenden und Armen gewählt wurde.

DemokratInnen oder RepublikanerInnen

Moore zeigt auf, dass die Demokratische Partei selbst neoliberale Politik betreibt (er nennt es republikanische Politik) und bezieht sich dabei auf die Präsidentschaft von Bill Clinton, die durch Arbeiter-Innenfeindliche Maßnahmen dafür gesorgt hat, dass 100 Millionen AmerikanerInnen nicht mehr gewählt haben. Auch im letzten Präsidentschaftswahlkampf hätte Trump in seinen Aussagen gegen den Irak-Krieg und gegen die Abhängigkeit von der Wall Street Hillary Clinton „links überholt“.

Das Establishment der Demokratischen Partei hat mit undemokratischen Mitteln den sich als demokratischen Sozialisten bezeichnenden Bernie Sanders als Präsidentschaftskandidaten verhindert, eine Parteiführerin bezeichnet die DemokratInnen selbst als “Kapitalisten“.

Moore meint, dass sich enttäuschte “Bernie“-AnhängerInnen von den DemokratInnen abwandten. Nichtsdestotrotz hat Moore selbst Wahlkampf für Hillary Clinton als kleineres Übel gemacht.

Die Wasserkrise

Wie auch in früheren Filmen sieht sich Moore die Lebensrealität der ArbeiterInnenklasse an und geht mit ihr auf Tuchfüllung.

Wieder ist seine Heimatstadt Flint in Michigan ein Hauptschauplatz. In der ehemaligen Industriestadt ist eine gefährliche Trinkwasserkatastrophe entstanden, nachdem der Gouverneur Rick Snyder mittels Notstandsmaßnahmen den Bürgermeister übergangen und im Interesse von Unternehmen neue unnötige Wasserleitungen gebaut hat.

Statt des sauberen Wassers aus dem Lake Michigan wurde während der Bauphase mit verseuchtem Wasser aus dem Flint River die (großteils afroamerikanische) Bevölkerung vergiftet. Zehntausend Kinder erlitten Bleivergiftungen, ältere Menschen starben an der Legionärskrankheit. Als hingegen im General Motors-Werk die Autoteile wegen des schlechten Wassers korrodierten, wurde wieder das gute Wasser aus Detroit geliefert – allerdings nur für das General Motors-Werk.

Moore zeigt, wie sich die Bevölkerung organisiert und gegen die Wasserkrise gekämpft hat. Dabei steckte sie ihre Hoffnungen gegen den Gouverneur in Präsident Obama und die Bundesbehörden. Als Obama Flint besuchte, deutet er an, das vergiftete Wasser zu trinken, womit er die Katastrophe herunterspielte.

Die enthusiastischen Obama-Fans blieben verzweifelt zurück. Für Moore ist das ein Teil der Erklärung, warum Trump in Michigan gewinnen konnte.

Power to the people

Michael Moore begleitet auch den Streik der LehrerInnen für höhere Löhne und bessere Bedingungen, der in West Virginia begann und sich auf Oklahoma und Kentucky ausweitete. Gegen den Willen der Gewerkschaftsführung wurde der Streik fortgesetzt, bis die Verbesserungen auch dem übrigen Schulpersonal zu Gute kamen. Der Film zeigt einen Teil der ArbeiterInnenklasse, der solidarisch und selbstorganisiert für ein besseres Leben kämpft.

Auch die SchülerInnen nahmen ihre Zukunft in die eigenen Hände und organisierten sich nach dem Schulmassaker von Parkland gegen die Shootings, die Waffenlobby und die herrschende Politik.

In berührenden Szenen wird gezeigt, wie überlebende Jugendliche des Massakers aktiv wurden, Kampagnen planten und auf Kundgebungen Reden hielten. Die HoffnungsträgerInnen in den USA sind für Moore die ArbeiterInnen und die Jugend.

New York City, 11/12/2016 | wasikphoto.com

Demokratische Partei oder demokratischer Sozialismus

Gegen Ende des Films werden auch die neuen linken KandidatInnen und Abgeordneten der DemokratInnen begleitet. Michael Moore hat sich in seinen vergangenen Büchern und Filmen als Anhänger eines europäischen Sozialstaats gezeigt, den er wie viele AmerikanerInnen auch als Sozialismus bezeichnet. Es wundert nicht, dass er von Alexandria Ocasio-Cortez, Bernie Sanders und Co. begeistert ist und Hoffnungen in eine Reformierung der Demokratischen Partei zu einer sozialdemokratischen Kraft steckt. (Mit diesen Entwicklungen in der amerikanischen Linken werden wir uns in der nächsten Aurora beschäftigen.)

Typisch Michael Moore

Die Stärke des Films besteht darin, dass er einen – besonders für Nicht-amerikanerInnen spannenden – Einblick in das Leben und die Probleme der Menschen in den USA gibt.

Immer wieder baut Moore dramatische Szenen ein und lockert den Film mit schrägen Aktionen auf. Zum Beispiel fährt er zum Anwesen von Governeur Snyder und spritzt das vergiftete Wasser in seinen Garten.

Der Film ist dadurch stellenweise reißerisch und etwas dämlich, doch gerade deswegen vergehen die zwei Stunden schnell. So ist Fahrenheit 11/9 für einen Dokumentarfilm sehr spannend und mitreißend und auf jeden Fall sehenswert. Der Film ist bei Amazon Prime verfügbar und im Fachhandel erhältlich.

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