Interview mit einem Leiharbeiter

Aurora: Hi David, vielen Dank, dass du dir heute die Zeit genommen hast, um mit der Aurora über dein Arbeitsleben zu reden.

Seit wie vielen Jahren arbeitest du in der Leiharbeit?

David: Ich arbeite inzwischen seit über zehn Jahren in der Leiharbeit.

A: In welchen Bereichen hast du bereits gearbeitet?

D: Angefangen habe ich in der Reinigung und in der Abfallwirtschaft. Das war mir aber auf Dauer zu anstrengend. Das waren die ersten Jahre, gefolgt von einer kurzen Zeit in der Chemiebranche, wo ich in Konti-Schicht gearbeitet habe. Konti steht hier für vollkontinuierlich. Bei Vollkonti arbeitet man in der Regel 7 Tage am Stück. Ich hatte in den ersten zwei Wochen einen Tag zum Ausschlafen nachdem ich aus der Nachtschicht kam, den darauf folgenden Tag frei, in der dritten Woche zwei Tage frei. Der Tag an dem man ausschläft gilt als frei, aber das ist eigentlich lächerlich, weil man an dem Tag ja noch mehrere Stunden in der Nacht gearbeitet hat. Das zählt sich dann in sieben Tagen Arbeit so: Frühschicht, Frühschicht, Frühschicht, Spätschicht, Spätschicht, Nachtschicht, Nachtschicht, dann ausschlafen und am 9. Tag frei, dann beginnt die nächste Woche. In sieben Tagen Frühschicht, Frühschicht, Spätschicht, Spätschicht, Spätschicht, Nachtschicht, Nachtschicht, am 8. Tag ausschlafen und dann einen Tag frei und in der dritten Woche in sieben Tagen Frühschicht, Frühschicht, Spätschicht, Spätschicht, Nachtschicht, Nachtschicht, Nachtschicht, ausschlafen und dann zwei Tage frei. Konti-Schicht macht einen kaputt. Ich bin noch lange viel hin und hergesprungen. Lagerwirtschaft, Elektrotechnik, Rohrleger, Treppenbau, Sanitär- und Klimabau, Umzug, Messebau, Garten-/Landwirtschaft. Seit einigen Jahren bin ich nur noch auf Baustellen und in Produktionsbetrieben.

A: Was sind für dich die Unterschiede zur Festanstellung?

D: Eine Festanstellung bietet Sicherheit, man muss sich nicht immer wieder an neue Kolleg*innen und neue Arbeitsbedingungen gewöhnen, man verdient meist besser und kann so auch planen. In der Leihbranche geht das oft nicht, da man nie vorher weiß, ob man dauerhaft eingesetzt wird. Ist ein Einsatz vorzeitig beendet und kann nicht neu vermittelt werden, wird auch der Vertrag aufgelöst. Das kommt nicht selten vor. Bis heute habe ich bei etwa 10 verschiedenen Leihfirmen gearbeitet. Auch die Schlupflöcher aus dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) führen zu ständigen Wechseln. Ich habe oft erlebt, wie Kolleg*innen plötzlich verschwunden sind, nachdem sie neun Monate da waren und die Entleihfirma gleichen Lohn hätte zahlen müssen. Man ist ständig auf Abruf, wenn es keine Einsätze gibt und man muss sich stets nach der gewünschten Arbeitszeit des Kunden richten. Der kauft schließlich neben der Arbeitskraft die Konditionen gleich mit.

Inzwischen ist es auch nicht mehr so, dass nur noch in der Leihbranche Zeitkonten geführt werden, d. h. dass Stunden über die im Vertrag festgeschriebene Mindeststundenanzahl auf dem Zeitkonto gesammelt und bei Nichtbeschäftigung verrechnet werden. Ist im Vertrag eine Stundenanzahl von 35 Stunden pro Woche angegeben, arbeitet man aber 40 Stunden in der Entleihfirma, gehen jede Woche 5 Stunden aufs Zeitkonto. Ab einer bestimmten Stundenzahl wird anteilig ausgezahlt. Das hängt vom Tarifvertrag ab.

Auf dem Papier müssen Firmen auch Arbeitskleidung bereitstellen, das tun sie auch. Auf den Lohnzetteln habe ich bisher allerdings immer erlebt, dass das Geld dafür abgezogen worden ist. Mit Festverträgen gibt es pro Jahr oft eine bestimmte Anzahl zur Verfügung gestellter Arbeitskleidung.

Beispielsweise bekommst du pro Jahr zwei Hosen und fünf T-Shirts. Manche Firmen haben auch einen Katalog und man bekommt Punkte für Arbeitskleidung. Wenn ich mir nun selbst Arbeitskleidung kaufen muss, sinkt auch der Lohn, weil ich weniger Geld zur Verfügung habe. Mein Lohn lag im Schnitt immer zwischen 1.200-1.300 Euro. Wenn ich viel gearbeitet habe auch mal über 1.400 Euro.

Ich hätte mehrmals übernommen werden können. Bis auf einmal hätte ich das abgelehnt, weil die Bedingungen meist erst mal schlechter waren. Ich bin wieder in der Probezeit, habe Urlaubssperre und fange dort auch wieder bei null an. Davon abgesehen, dass man meist 2 oder 3 befristete Verträge bekommt, ehe man auf Festeinstellung hoffen kann. Für eine Festanstellung tun die Beschäftigten sehr viel. Mehr als die Fest-angestellten, daher ist die Leihbranche auch ein zuverlässiger Motor für die Wirtschaft.

A: Was war dein krassestes Erlebnis?

D: Krasse Erlebnisse gab es für mich nicht. Ich musste nur einmal gegen meine Zeitfirma klagen, die zwei illegale Regelungen hatte, wonach sich der Zahlungstermin um einen halben Monat verschiebt, wenn der Zahltag auf einen Krankheitstag fällt oder man an dem Tag bereits gekündigt war. So erhält man erst nach einem Monat sein Gehalt und ich konnte meine Miete nicht bezahlen, wofür das Jobcenter einspringen musste. Außerdem hatte der Chef eines Einsatzunternehmens behauptet, ich hätte an einem Tag nicht gearbeitet. Er schickte dafür immer seinen Handlanger vorbei, der sehen sollte, ob die Leute arbeiten und pünktlich ihre Pausen beenden, um ihnen dann Lohn abzuziehen, wenn sie es nicht taten. Das war schon ziemlich frech, da der Vorwurf weder vom Chef noch vom Gericht überprüft wurde. Vor Gericht hatte ich mich dann aber mit einem Vergleich durchgesetzt und mir wurden von den acht Stunden sieben bezahlt.

A: Gab es Unterschiede zwischen dir und den Festangestellten?

D: Wie bereits gesagt, Festangestellte bekommen eigene Arbeitsklamotten wo meist auch der Firmenname drauf steht. Hier fängt die Spaltung der Beschäftigten bereits an. Jeder weiß, wer festangestellt und wer Leiharbeitnehmer*in ist. Aber ob du bei einem oder mehreren Betrieben gleichzeitig beschäftigt bist oder nicht, die Arbeit ist dieselbe.

A: Wie war die Stimmung zwischen dir und den Festangestellten und den Leiharbeiter*innen?

D: Ich hatte zu dem Großteil der Beschäftigten immer ein gutes Verhältnis, es war immer sehr locker und freundschaftlich. Man spürt jedoch trotzdem die Spaltung. Die Leiharbeiter*innen, das sind die, die kommen und gehen. Die bestimmte Arbeiten nicht verrichten dürfen, auch wenn sie dafür qualifiziert sind. Jede*r Leiharbeiter*in weiß, dass man wirtschaftlich schlechter gestellt ist, dass sie nicht Teil der Firma sind und jederzeit wieder gehen müssen, wenn die Geschäftsführung neue Pläne aus der Tasche zieht. Ich hatte oft das Gefühl zwischen zwei Blöcken zu stehen. Zumal die Festangestellten stets die Vorarbeiter der Leihbeschäftigten sind. Das kann man dann schön ausnutzen.

A: Was hat sich unter Corona verändert?

D: Für mich selbst hat sich nicht viel verändert. Als die ersten weit-reichenden Maßnahmen verkündet wurden, war ich gerade in der Schweiz. In der Schweiz habe ich auch in einer Leihfirma gearbeitet. Zurück in Deutschland habe ich nicht viel anders erlebt. Man hat normal weitergelebt und weiter gearbeitet.

Die Kolleg*innen machten sich keine Sorgen – „wenn Corona so schlimm wäre, würden wir hier nicht mehr sitzen“ – und die Geschäftsführungen verteilten kleine Zettel, die man beim Anhalten durch die Polizei vorzeigen konnte.

A: Vielen Dank David, dass du dir die Zeit genommen hast mit uns über dein Arbeitsleben zu reden.

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