„How the West Came to Rule: The Geopolitical Origins of Capitalism”

Unter den akademischen Linken wird seit Jahrzehnten heftig über die Frage diskutiert, wie sich die Herausbildung eines globalen kapitalistischen Systems aus dem Schoß des Feudalismus erklären lässt. Damit einhergehend scheint ebenso die Frage nach den Bedingungen wichtig, welche dem „Westen“ zur hegemonialen Vormachtstellung verhalfen.

How the West Came to Rule von Alexander Anievas und Kerem Nişancioğlu stellt insofern noch einen Beitrag zur sogenannten „transition debate“ dar. was dieses Werk – im Gegensatz zu anderen – jedoch auszeichnet, ist der Gebrauch von Leo Trotzkis Konzept der „ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung.“

Es haben sich im Lichte der oben genannten Debatte zwei entgegengesetzte „Schulen“ herausgebildet. Die eine umfasst jene Erklärungsansätze, welche den Stellenwert von internationalen Verbindungen und Faktoren über Handel, Kolonialismus, Eroberungen, usw. für die Herausbildung eines kapitalistischen Weltmarktes betonen. Immanuel Wallerstein, mit seiner Weltsystemtheorie, gehört zu den bekanntesten Vertreter:innen eines solchen Zuganges. Als „endogene“ Theorien lassen sich jene Erklärungsansätze dahingegen einordnen, welche den Übergang zum Kapitalismus eurozentrisch analysieren. Repräsentativ für diese Tendenz ist v. a. Robert Brenner, welcher in seinen Werken argumentierte, dass die kapitalistische Produktionsweise zunächst einmal als Agrarkapitalismus im Kontext eines verschärften Klassenkampfes zwischen Bauern und Adeligen im spätmittelalterlichen England entstand. Dadurch wurde zwar weitgehend die Leibeigenschaft abgelöst, dem Adel gelang es jedoch, seine Macht über die Bauernschaft beizubehalten, indem die Landbevölkerung ihrer Gewohnheitsrechte beraubt und von ihren Ländereien vertrieben wurde und somit entweder auf Lohnarbeit oder Pachtland angewiesen war.

Sowohl Wallerstein als auch Brenner werden kritisiert in How the West Came to Rule. Einerseits bestehe Wallersteins Bezug auf internationale Zusammenhänge vor allem darin, zu zeigen, dass die „Peripherisierung“ nicht-westlicher Gesellschaften und Gebiete durch internationale Arbeitsteilung ausschlaggebend für den frühen Kapitalismus war. Dabei werde allerdings die Geschichte eines sich von Europa auf den „Rest“ der Welt ausbreitenden Kapitalismus erzählt, welche die Wirkmächtigkeit und rückwirkenden Einflüsse der Peripherien auf Europa ausblendet. Andererseits verleugne Brenners anglozentrisches Narrativ die Einwirkungen von auswärtigen Faktoren, welche den Übergang zum Agrarkapitalismus in England überhaupt ermöglichten – wie z. B. das mongolische Reich im 13. und 14. Jahrhundert, über das westliche Händler wichtige Handelsbeziehungen aufbauen konnten, wodurch jedoch gleichzeitig die Pest von Zentralasien nach Europa gelangte. Das hatte eine Krise des Feudalsystems zur Folge und begünstigte langfristig die kapitalistische Entwicklung. Um die Einseitigkeiten dieser (und anderer) Zugänge zu überwinden, weisen Anievas und Nişancioğlu auf die Notwendigkeit einer Theorie hin, welche die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Gesellschaften und zwischen unterschiedlichen Produktionsweisen bei ihrer teilweise verknüpften historischen Entwicklung erfasst.

Die Theorie der ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung würde sich laut den Autoren hierfür anbieten, weil sie den Rahmen bietet, um gesellschaftliche Prozesse und Entwicklung als zwischengesellschaftlich zu analysieren. Die „Ungleichmäßigkeit“ besteht darin, dass Gesellschaften sich untereinander ungleich entwickeln, was mit jeweils unterschiedlichen Entwicklungsständen in wirtschaftlicher, politischer und sozialer Hinsicht einhergeht. Allerdings existieren und entwickeln sich unterschiedliche Gesellschaften nicht isoliert voneinander, sondern in ständiger gegenseitiger Interaktion miteinander, also „kombiniert“.

Es werden mehrere Beispiele dafür angeführt, wie Trotzkis Theorie angewandt werden kann, um eine nicht-eurozentrische, kritische Kapitalismusgeschichte zu schreiben. Trotzki meinte etwa, dass „rückständige“ Gesellschaften unter Umständen „das Privileg der historischen Verspätung“ zukomme, welches sie dazu „zwingt, sich das Fertige vor der bestimmten Zeit anzueignen, eine Reihe Zwischenetappen zu überspringen.“1 Demzufolge wird argumentiert, dass die Rückständigkeit des feudalistischen Europas – im Gegensatz zum fortschrittlicheren Osmanischen Reich – den Kapitalismus in Europa beförderte. Denn eine fehlende (starke) Zentralgewalt und die feudalistische Produktionsweise brachten Expansionskriege um größere Anteile am Mehrprodukt mit sich, was zur Abhängigkeit der Fürsten von Bankiers führte, um ihre Kriege zu finanzieren – diese „historische Verspätung“ schlug langfristig in ein Privileg um. Darüber hinaus wird dem Osmanischen Reich eine wichtige Rolle beigemessen hinsichtlich der kapitalistischen Entwicklung in Europa: So förderten Handelsbeziehungen zu den Osmanen Formen der Protoindustrialisierung in Frankreich. Zudem ermöglichten Importe aus dem Osmanischen Raum einen Umstieg größerer Bevölkerungsteile von der Selbstversorgung auf die Lohnarbeit. Aber vor allem wirkte das Osmanische Reich dahin, günstige geopolitische Bedingungen für England und Holland zu schaffen, die zwei Vorreiterländer des Kapitalismus par excellence: Die osmanische Bedrohung im Süden strapazierte die Ressourcen der europäischen Hauptmächte – der Habsburger, des Papsttums, der italienischen Stadtstaaten, usw. – dermaßen, dass England und Holland sich unbeirrt entwickeln konnten. Dies sei ein Fall von „geopolitischer Kombination“ gewesen.

Ein Beispiel, das ungleichmäßige und kombinierte Entwicklung besonders veranschaulicht, ist die Plantagensklaverei in Amerika und der Karibik, da diese Institution englisches Kapital, amerikanisches Land und afrikanische Sklaverei zusammenbrachte und fusionierte – auf diese Art und Weise wurden ungleiche Produktionsweisen und Produktivkräfte aus verschiedenen Gesellschaftsformationen kombiniert. Die Plantagensklaverei war zudem marktorientiert, obwohl die Sklaven für den Lebensunterhalt oft auf die Selbstversorgung angewiesen waren. In der Tat: Die Plantagen stellten Schauplätze für mannigfache „Innovationen“ dar, in den Bereichen Buchhaltung, Landbau, arbeitssparende Technologien, usw.

Diese Rezension kann kaum der ganzen Fülle an Aspekten und Kontexten, welche vom Buch angeschnitten und behandelt werden, gerecht werden. Vielmehr sollte dieser Text eine Anregung zur selbstständigen Lektüre sein. Das Buch kann nur herzlichst jeder und jedem empfohlen werden, die:der an einer historisch-materialistischen Analyse der Ursprünge des Kapitalismus interessiert ist!

Marcus Olufsen, Wien

  1. Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Bd 1., Manifest Verlag 2021, S. 13. ↩︎

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert