Filmrezension: Lieber ein gemäßigt sozialdemokratischer Koalabär als ein Känguru ohne Geist!

Als der Kleinkünstler Marc-Uwe Kling 2011 sein zweites Känguru-Buch schrieb, spöttelte er bereits über die Möglichkeit einer Verfilmung unter kapitalistischen Bedingungen: Disney habe die Filmrechte für eine „beachtliche Summe“ aufgekauft, wolle aber das Känguru, weil es zu radikal für das Massenpublikum sei, durch einen „gemäßigt sozialdemokratischen Koalabären“ ersetzen und dessen Kritik mundtot machen.

Kurz vor dem Corona-Lockdown kam dann die Verfilmung der Känguru-Chroniken tatsächlich in die Kinos und in den Live-Stream. Mark-Uwe Kling, der sich nicht selbst spielt, und das Känguru kämpfen gemeinsam mit ihren linksalternativen Kreuzberger Freund*innen gegen den Bauunternehmer und Rechtspopulisten Jörn Dwix und dessen Prügelnazis. Einzelne Kernszenen der Bücher sind zum Mitsprechen wortgetreu wiedergegeben, dazwischen werden Slapstickeinlagen des computeranimierten Kängurus gepackt, die so harmlos wie unwitzig sind. Obendrein führt der Film noch eine alberne Liebesgeschichte in die Handlung ein.

X Verleih Ag

Obwohl das Drehbuch von Marc-Uwe Kling selbst geschrieben worden ist, geht dem Film doch so ziemlich alles ab, was die (Hör-)Bücher zu einem so großen und geistreichen Vergnügen gemacht haben. Wo das Känguru in den Büchern zu Recht die strukturelle Gewalt der Verhältnisse kritisiert… bietet der Film vier Prügelnazis, die alle Vorurteile über dumme Glatzen erfüllen aber ganz sicher kein Bild der realen faschistischen und rechtspopulistischen Gefahr im Jahr 2020 bieten. Wo die Bücher die kapitalistische Konsumwelt und die neoliberale Ideologie der Selbstoptimierung und –vermarktung kritisieren, bietet der Film nur einen bösen Oberkapitalisten (Dwix), der nicht nur Bauunternehmer und Miethai, sondern auch noch ziemlich dämlich ist. Dem literarische Känguru ging es nie um einzelne „böse Kapitalisten“, es ruft ja dazu auf, dem „umfassenden Terror der kapitalistischen Verhältnisse“ mit scharfem Humor, klugen Kommentaren, Antiterroranschlägen und einer – diffusen – Revolution umfassend zu begegnen.

Regisseur Dany Levy kannte die Bücher zunächst nicht. Und er hat sie auch nicht verstanden. So ist der Film vor allem eins: ein deutscher Mainstreamfilm mit dementsprechend bemühtem Humor. Zwar ist es auch für kritischere Filmemacher*innen nicht einfach Bücher, die so vom Sprachwitz und von den Küchentischdialogen leben, zu verfilmen. Umso weniger als die Filmbranche ebenfalls von mächtigen kapitalistischen Konzernen beherrscht wird, die allenfalls einen ungefährlichen „Antikapitalismus“ promoten wollen. Es hält einen aber auch niemand davon ab, Verfilmungen, die nur zu einem platten Abklatsch guter Bücher werden können, einfach auf seine „not-to-do-Liste“ zu setzen. Selten war der Satz so wahr: Lass den Bildschirm aus, lies ein Buch.

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