
Die alte Bundesrepublik hatte ein Versprechen, das den Kapitalismus auch für viele Arbeitende akzeptabel machte: Zwar sei nicht alles gut, aber die Kinder würden es auch in Arbeiter:innenfamilien besser haben. Wer sich anstrenge, könne aufsteigen, Leistungsgerechtigkeit und Sozialpolitik für alle – Streiks oder kollektive Aktionen seien kaum nötig. „Fahrstuhleffekt“ nannte der Soziologe Ulrich Beck das. Mittlerweile aber ist’s aus mit dem Fahrstuhl. Der Fahrstuhl stecke fest, stellen bürgerliche Kommentator:innen erschreckt fest. Immer weniger Menschen gelinge es, sich nach oben zu arbeiten – der Abstieg ist wahrscheinlicher geworden. Für das ideologische Fundament des Kapitalismus ist es eine Gefahr, wenn der Glaube verloren geht, dass sich ohne Kampf, Bewegung und Streiks etwas verbessern könne. Aber zu den Fakten:
Trotz steigenden Reichtums wird ein Großteil ärmer
Die Wirtschaft wächst, doch die Mehrheit hat wenig davon. Seit 1980 ist das Volkseinkommen in Deutschland um 53 Prozent pro Kopf gestiegen, aber diese Steigerung hat sich ein kleiner Teil eingestrichen. Die sogenannte Mittelschicht schrumpft seit Mitte der 90er Jahre. Dabei ist die Definition der Mittelschicht ziemlich lächerlich: So gehört nach den Definitionen ein Ein-Personenhaushalt mit einem Jahresnettoeinkommen zwischen 17.539 und 37.584 Euro zur Mittelschicht. Wenn weniger als 1500 Euro im Monat schon „Mitte“ sind, kann mensch sich von dem Status wenig kaufen. Überhaupt wurde der Schicht- oder Milieubegriff in der Soziologie vor allem eingeführt, um nicht über Klassen und Klassengegensätze sprechen zu müssen. Denn auch in der „Mittelschicht“ heißt „Nettoeinkommen“ nur „Monatsbudget“. Die meisten Menschen, die von bürgerlichen Ökonom:innen als Mittelschicht bezeichnet werden, gehören der Arbeiter:innenklasse an, weil sie nichts verkaufen können als ihre Arbeitskraft um zu leben. Und immer mehr leben trotz Arbeit schlecht.
Die Arbeitskraft ist immer gebildeter – nützt nur nix.
Auch das Versprechen, dass Bildung ein Aufstiegsgarant sei, platzt: Keine Generation war besser gebildet als heute. Im Vergleich zu den 1950er Jahren machen mehr als drei Mal so viele Menschen Abitur. Die Anzahl der Studierenden hat sich sogar verzwanzigfacht. Die junge Generation investiert so viel in Bildung (nicht zuletzt in Nachhilfe!) wie keine vor ihr. Und obwohl Unternehmen seit langem über Fachkräftemangel klagen, sind die Reallöhne kaum gestiegen. Durch Mangel müssten – der Erzählung nach – die Löhne für die Arbeitskräfte steigen, tun sie aber nicht. Nicht allein das Angebot und die Nachfrage bestimmen den Preis einer Arbeitskraft, sondern Löhne sind immer auch eine Frage des Klassenkampfes. Löhne verdient mensch nicht – sie wollen erkämpft werden.
Der Fehler liegt im System
Warum aber sinken die Reallöhne insgesamt, warum nimmt die soziale Spaltung wieder zu? Da gibt es verschiedene Gründe. Zum einen waren die letzten 40 Jahre von vielen Niederlagen im Klassenkampf geprägt. Fabriken und Werke wurden verlagert, Arbeitsplätze vernichtet und das oft ohne eine echte Antwort z. B. der Gewerkschaften. Die Politik hat mit Hartz IV zudem dafür gesorgt, dass Niedriglöhne oft als kleineres Übel akzeptiert werden (müssen).
Aber auch die Kapitalist:innen sind gezwungen, Löhne zu drücken, wegen der Konkurrenz und des sogenannten tendenziellen Falls der Profitrate.
Vereinfacht gesagt erzielen die Kapitalist:innen ihren Profit allein aus der Ausbeutung von Arbeitskräften, nicht aus ihren Maschinen. Durch Konkurrenz zur Anschaffung immer teurerer und aufwendigerer Maschinen (auch PCs, Software) und Patente gezwungen, wird der Anteil der Arbeitskraft im Produktionsprozess im Vergleich zu den Maschinen immer geringer. Das heißt der Anteil der wertschaffenden Arbeit wird niedriger und somit auch das Verhältnis von Profit zur Investition (= Profitrate). Um dem entgegenzuwirken, müssen die Kapitalist:innen die Lohnkosten senken: durch Arbeitsverdichtung, direkte Lohnsenkungen, usw. Das erfahren viele von uns täglich. Wenn das Versprechen auf sozialen Aufstieg durch Arbeit aber immer weniger greift, besteht gute Hoffnung, dass auch die Kämpfe um den Lebensstandard wieder zunehmen.
Von Karl Gebhard (Berlin) und Jakob Erpel (Düsseldorf)
