Eine Nebensache

Roman von Adania Shibli (2017, übersetzt aus dem Arabischen)

Der erste Teil dieses kurzen Romans besteht aus einer Beschreibung von Ereignissen im August 1949 in der Wüste Negev: Dort wurde nach einer Schießerei eine junge arabische Überlebende von der israelische Armee ins Lager gebracht, misshandelt, vergewaltigt und schließlich getötet. Die Ereignisse werden ausschließlich aus Sicht eines israelischen Kommandeurs geschildert. Bis zum Schrecken des Schicksals der jungen Frau bleibt die Erzählung aber sachlich und distanziert. Im Leben des Lagers ist die Anwesenheit der jungen Frau nur eine Nebensache.

Der zweite Teil des Romans besteht aus einer heutigen Erzählung einer Palästinenserin, die sich vorgenommen hat, die Ereignisse zu untersuchen, die im ersten Teils des Buches beschrieben wurden. Sie ist zufällig am Tag der Ermordung der jungen Frau geboren, die ihr durch einen unauffälligen Zeitungsartikel zur Kenntnis gekommen ist. Diese zufällige Übereinstimmung ihres Geburtstags mit dem der Ermordung der junge Frau ist die Nebensache, eben. Die Palästinenserin nimmt uns durch eine atemraubende Erzählung in ihrer Reise mit, in der wir über den Alltag von Palästinenserinnen in Israel erfahren. Ihre Reise durch die Checkpoints bis zum vermeintlichen Tatort ist voller Risiko. Woher ihre Leidenschaft kommt, auf eine so gefährliche Suche zu gehen, ist ihr selbst erstmal unklar. Im Laufe dieser Ich-Erzählung erweist sich ihr Projekt in ihren eigenen Augen langsam als sinnlos. Doch tauchen die eigentlichen Fragen auf, die die Erzählerin bewegen: Warum soll dieses Opfer keinen Namen haben? Ist es nicht gerecht, ihr eine Ehre zu erweisen? Und wenn ja, ist das überhaupt möglich?

Die zwei Teile des Romans sind von unbedeutenden Details verbunden, die das Schicksal der zwei Frauen bis zum Ende des Romans immer mehr verbindet. Der erste Teil ist die Realität aus den Augen eines unauffälligen Militärs. Der zweite Teil ist ein Spielgelbild, indem sich alles wiedererkennen lässt, nur ein halbes Jahrhundert später… bis zum tödlichem Ausgang.

Die literarische Qualität des Romans führte dazu, dass die Jurys mehrere internationalen Literaturpreise die Schriftstellerin auszeichneten. So bekam die Schriftstellerin den renommierten LiBeraturpreis1, der jedes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse verleihen wird. Als aber die Verleihung geplant wurde, war der schreckliche Angriff der Hamas vom 7. Oktober noch nicht geschehen. Die Verleihung war für den 20. Oktober 2023 geplant, gerade in der Zeit wo es klar wurde, dass die Antwort der Israelischen Armee zum Vernichtungskrieg wird. In Deutschland waren alle die den werdenden Genozid anprangerten unter Verdacht und bald von der Polizei angegriffen. Die kleine Welt der Intellektuellen der Buchmesse wurde nicht von diesen diktatorischen Zuständen verschont, und so wurde die Preisverleihung einfach abgesagt.

Dieses Buch ist ein Kunstwerk, das uns von der Nakba bis heute, die Vernichtung eines Volkes näherbringt. Es mag auf der Frankfurter Buchmesse nicht erscheinen dürfen. Wer im Kontext eines Genozids trotzdem die Geschichte Palästinas verstehen möchte, der/dem sei dieser Roman eine dringende Empfehlung.

  1. Der LiBeraturpreis ist ein Literaturpreis, der ausschließlich an Autorinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt vergeben wird ↩︎

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