Automobilarbeiter:innen gewinnen bei neuen Tarifverträgen – doch große Herausforderungen liegen vor ihnen

Der sechswöchige Streik der United Automobile Workers (UAW = US-amerikanische Gewerkschaft) gegen Ford, General Motors und Stellantis endete am Wochenende des 25. Oktober mit der Ankündigung, dass die Gewerkschaft sich mit der Ford Motor Company auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt hätte. Einige Tage später gab die UAW Vereinbarungen mit den anderen beiden Unternehmen bekannt. Sofort nachdem die Gewerkschaft die vorläufigen Einigungen bekannt gab, wies sie alle Streikenden an, zur Arbeit zurückzukehren. Nun werden die Gewerkschaftsmitglieder über die Verträge abstimmen und die ersten Abstimmungsergebnisse deuten darauf hin, dass sie die neuen Verträge ratifizieren werden. Auf der Website der UAW lassen sich die Verträge im Wortlaut nachlesen und wie sie sich von den am 14. September ausgelaufenen Verträgen unterscheiden.

Die UAW-Führung erklärte, dass zu den Zielen der Gewerkschaft umfangreiche Lohnerhöhung gehörten, um die Inflation auszugleichen und eine Vertragsklausel für Teuerungszulagen während der 54-monatigen Laufzeit der neuen Tarifverträge. UAW-Gewerkschaftsmitglieder sind besonders um ihre Arbeitsplätze besorgt, denn geplant ist der Bau von Werken für die Produktion von Elektroautos und -lastwagen. Neu errichtete Fabriken fallen nicht zwingend unter die bestehenden Gewerkschaftsvereinbarungen für die Beschäftigten in den bereits bestehenden Werken, in denen die Gewerkschaft anerkannt ist.

Die Autokonzerne wollen diesen Übergang nutzen, um Löhne und Sozialleistungen weit unter den Gewerkschaftsstandards durchzusetzen. Die gewerkschaftlich organisierten Automobilarbeiter und die Gewerkschaft selbst stehen vor einer existenziellen Krise, wenn man bedenkt, dass Unternehmen ohne gewerkschaftliche Organisierung wie Toyota 60% der in den USA verkauften Neuwagen produzieren. Tesla, ebenfalls ohne gewerkschaftliche Organisierung, ist sogar noch dominanter auf dem Elektro-Auto-Markt.

Die neuen UAW-Tarifverträge sehen eine sofortige Lohnerhöhung von 11% für alle Fließband- und sonstige Produktionsarbeiter:innen vor, die bereits einen Spitzenlohn von 32 $/Stunde (knapp 30 €) erhalten. Viele Arbeiter:innen, die weniger als den Spitzenlohn verdienen, bekommen prozentual größere Erhöhungen. Der alte Vertrag enthielt zwei unterschiedliche Lohn- und Sozialleistungskategorien (zwei Stufen), einer für Arbeiter:innen, die vor 2007 angestellt wurden und einen niedrigeren für diejenigen, die nach 2007 angefangen haben. Alle Produktionsarbeiter:innen, die seit mindestens vier Jahren im Betrieb sind, werden bis Vertragsende den gleichen Stundenlohn bekommen. Der neue Vertrag sieht jährliche, an die Inflation angepasste Lohnerhöhungen vor. Wenn der Vertrag 2028 endet, wird der Spitzenlohn nach Schätzungen der Gewerkschaft inklusive des Inflationsausgleichs 42$/Stunde betragen.

Diese Lohnerhöhungen gleichen den Kaufkraftverlust der bei UAW organisierten Arbeiter:innen nicht vollständig aus, da die UAW seit 2007 großen Lohnzugeständnissen zugestimmt hat. Die neuen Verträge können die Diskrepanz zwischen den Arbeiter:innen mit längerer und kürzerer Betriebszugehörigkeit bei den Leistungen nicht ausgleichen. Insbesondere das Rentenniveau wurde nicht wesentlich verbessert und hat nicht einmal ansatzweise die Inflation der letzten Jahre aufgefangen. Die neuen Verträge halten die Unternehmen nicht davon ab, unfreiwillige Überstunden aufzuerlegen: Die Bosse zwingen die Arbeiter:innen monatelang zu Sechs-Tage-Wochen. Die Unternehmen haben sich bereit erklärt, für einige, aber nicht alle neuen E-Auto-Werke die Tarifverträge anzuwenden. Natürlich planen sie auch, die Werke in den Regionen der USA zu bauen, in denen die Gewerkschaften Schwierigkeiten hatten, die Mehrheit der Arbeiter:innen zu gewinnen, was eine Voraussetzung dafür ist, dass die Gewerkschaften Tarifverträge aushandeln können. Die Gewerkschaft konnte jedoch das Streikrecht für künftige Werkschließungen erlangen. Stellantis erklärte sich bereit, ein im Frühjahr geschlossenes Werk wieder zu öffnen und die entlassenen Arbeiter:innen wieder einzustellen.

Die Automobilarbeiter:innen haben es deutlich gemacht, dass sie große Erwartungen haben und die Verträge enthalten auch echte Verbesserungen, auch wenn sie unzureichend sind verglichen mit all dem, was die Arbeiter:innen in den vergangenen Jahrzehnten durch Zugeständnisse verloren haben. Die Streikstrategie der UAW, gleichzeitig einen Streik bei allen in Detroit ansässigen Unternehmen auszurufen und nur eine Handvoll Werke zu bestreiken, wurde noch nie zuvor versucht. Viele Arbeiter:innen waren der Meinung, dass alle Werke von Anfang an bestreikt werden sollten. Zu Beginn legten die Gewerkschaft nur drei Montagewerke mit 13.000 von insgesamt rund 150.000 organisierten Arbeiter:innen, die in den drei Unternehmen arbeiten, still. In den folgenden sechs Wochen bestreikte die UAW weitere Werke und forderte noch 37.000 Gewerkschaftsmitglieder zum Streik auf. Diese Taktik machte es für die Beschäftigten noch schwieriger als in der Vergangenheit, über die Durchführung des Streiks mitzubestimmen.

Obwohl die streng hierarchische Weise einen Streik zu organisieren nichts neues ist, verblüffte die weithin beachtete „Klassenkampf-Rhetorik“ des neu gewählten Gewerkschaftspräsidenten Shawn Fain die amerikanischen Unternehmen und wurde von den meisten Mitgliedern begrüßt. Fain verurteilte wiederholt die jahrzehntelange Politik der UAW, die den Autokonzernen Zugeständnisse machte, um Gewinne zu steigern. Er sagte, die UAW habe sich wie eine „Betriebsgewerkschaft“ (eine vom Unternehmen selbst kontrollierte Gewerkschaft) verhalten und hatte den Bossen ermöglicht, einen einseitigen Klassenkrieg gegen ihre eigenen Gewerkschaftsmitglieder zu führen und deutete an, dass diese Zeiten vorbei seien.

Die Durchführung des Streiks und seine Ergebnisse zeigen aber, wie weit die UAW davon entfernt ist, ihre Mitglieder in einen Kampf zu führen, der die Kraft einer mobilisierten Arbeiter:innenklasse freisetzt. Die einfachen Gewerkschaftsmitglieder müssen sich organisieren und die Strategien des Klassenkampfes erneuern, um sich erfolgreich gegen eine Industrie durchzusetzen, die ihre Industrie im Zuge der Umstellung auf Elektromobilität umgestaltet. Die „Kluft“ zwischen der „Klassenkampfrhetorik“ von Präsident Fain und der tatsächlichen Praxis der Gewerkschaft deutet an, dass er Teil des Problems und nicht der Lösung sein wird.

Dieser Artikel erschien zuerst am 6. November 2023 auf der website der trotzkistischen us-amerikanischen Gruppe „speak out now“: https://speakoutsocialists.org/autoworkers-make-gains-in-new-union-contracts-but-big-challenges-lie-ahead/

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