Eine Lehre aus der Geschichte: US-Navy-Matrosen heute und Panzerkreuzer Potemkin

Autor: Speak Out Socialists
Datum: 12. September 2026 Übersetzung:  Julian Klatsky

Mächtige moderne Staaten säen die Saat ihres eigenen Umsturzes. Mitunter keimt diese Saat im Militär der herrschenden Klasse auf. Historisch betrachtet zeigten sich frühe Risse in kapitalistischen Staaten häufig zuerst in der Kriegsmarine.

Seit die Vereinigten Staaten und Israel Ende Februar ihren Krieg gegen den Iran begonnen haben, dringen Berichte von den in die Region entsandten Schiffen nach außen, dass die Lage an Bord keineswegs zum Besten steht. Bereits am 12. März gab es Meldungen vom Flugzeugträger USS Gerald Ford über Zwischenfälle, die wie Sabotageversuche anmuten. Am bekanntesten sind jedoch die unhaltbaren Zustände, denen die Seeleute auf der USS Abraham Lincoln ausgesetzt waren. Für eine Rekorddauer von 274 Tagen ohne jegliche Hafenanläufe zur Nachversorgung oder für Landgang in einem Kriegsgebiet stationiert, geriet der Flugzeugträger in die Schlagzeilen, als Informationen über das Ausmaß der Missstände durchsickerten. In den sozialen Medien kursierten Fotos von Mahlzeiten, wie man sie eher in einem gewinnorientierten Gefängnis vermuten würde: karge Rationen aus grauen Blöcken undefinierbaren Fleischs und einem Löffel gekochter Karotten. Es gab Beschwerden über tatsächlich verfaultes Fleisch und Mahlzeiten aus trockenen Zerealien mangels Milch. Der Schiffsbesatzung ging der Zugang zu Seife und anderen Hygieneartikeln verloren, während zugleich Berichte über verunreinigtes Trinkwasser die Runde machten. Familienangehörige berichteten von Besatzungsmitgliedern, die binnen weniger Monate 15 bis 20 Kilogramm an Gewicht verloren hatten. Ebenso wurde von Seeleuten berichtet, die versuchten, über Bord zu springen, während andere nur durch Zureden davon abgehalten werden konnten. Als sich die Berichte und die Empörung in den USA ausbreiteten, vertrat Trump die Ansicht, das Schiff sei noch längst nicht lange genug im Einsatz gewesen, während Kriegsminister Pete Hegseth behauptete, die geschilderten Zustände seien völlig verzerrt dargestellt worden. Das Schiff wurde schließlich aus der Region abgezogen, was die Kontroverse vorerst beendete.

Die Geschehnisse auf der Lincoln wecken Erinnerungen an die verdrängte Geschichte vergangener Revolutionen, in denen Aufstände in der Marine einen entscheidenden Wendepunkt bildeten. Die konkreten Missstände der Lincoln-Besatzung rufen ein Ereignis aus der russischen Revolution von 1905 wach, von dem eine filmische Inszenierung existiert. Sergej Eisensteins Film Panzerkreuzer Potemkin aus dem Jahr 1925 hilft uns zu verstehen, welche materiellen Bedingungen die historische Rolle von Matrosen in sozialistischen Revolutionen antreiben können.

Wie bei der Mannschaft der Lincoln gehörte auch für die Matrosen der Potemkin die Verpflegung zu den Hauptgründen ihrer Empörung, und ihre erste kollektive Handlung bestand darin, den Borschtsch des Schiffs zu verweigern. Dieser Vorfall verdeutlicht, wie ungenießbare Nahrung die Gleichgültigkeit eines gesamten Gesellschaftssystems und die Stellung der einfachen Matrosen in dessen Hierarchie widerspiegelt. Während die Offiziere in einem palmenbestandenen, holzgetäfelten Speisesaal von Porzellantellern speisen, wird den einfachen Matrosen Borschtsch aus Gemeinschaftsschüsseln serviert. Den eigentlichen Zündfunken liefert jedoch das für die Suppe verwendete Fleisch. An Deck deuten die Männer auf aufgehängte Fleischbrocken, auf denen Maden wimmeln, während der Schiffsarzt das Fleisch für vollkommen genusstauglich erklärt. Wenn den Matrosen der Beweis ihrer eigenen Augen abgesprochen wird, bedeutet dies, ihnen ihre Urteilskraft als denkende Menschen abzusprechen und das Wort von Dutzenden geringer zu schätzen als das eines einzelnen Arztes oder heute das eines Kriegsministers. Die Empörung und Auflehnung der Matrosen kocht hoch, als sie begreifen, dass Appelle an die bestehende Ordnung ihnen nichts als weitere Erniedrigungen einbringen. Die Ordnung an Bord entspricht der Ordnung des kapitalistischen Imperialismus, einem System, das der Logik des Profits durch Ausbeutung folgt und mit Waffengewalt abgesichert wird. In einer späteren Szene, nachdem die Matrosen die Kontrolle über die Potemkin übernommen haben, versorgen die Arbeiter von Odessa das Schiff mit einer Flottille kleiner Boote. Durch die revolutionären Ereignisse in der Stadt ist eine Solidarität zwischen Arbeitern und Matrosen gewachsen, und die von ihnen herbeigeschafften Lebensmittel sind vielfältig und frisch. Hier wird der Entwurf einer alternativen Gesellschaftsordnung sichtbar, deren Logik sich an den Bedürfnissen der Menschen und nicht am Profit ausrichtet.

Dieses Bild zirkulierte auf Social Media und zeigt ein Essen auf der USS Abraham Lincoln

Der Weg vom Missstand zum Aufstand verläuft freilich nicht geradlinig. In der heutigen Realität ergriff das Trump-Regime schließlich präventive Maßnahmen auf der Lincoln. Eisensteins Film kann uns jedoch die Leerstellen füllen. Einige weitere Gemeinsamkeiten der materiellen Gegebenheiten beider Schiffe verdienen Beachtung. Auf der Potemkin ist der erste Vorfall, der den Matrosen Wakulintschuk zur Agitation veranlasst, der Schlag eines Unteroffiziers gegen einen schlafenden Matrosen, dessen schaukelnde Hängematte den Vorgesetzten bei der Inspektion der beengten Quartiere berührt hatte. Die Tränen des geschlagenen Matrosen spiegeln dessen tiefes Gefühl der Demütigung wieder, woraufhin Wakulintschuk zu seiner ersten Rede an seine Kameraden ansetzt. Die Enge der Räumlichkeiten ist bedeutsam. Mehr noch als Arbeiter, die in einer Fabrik des Industriezeitalters zusammengeballt sind, leben und arbeiten Seeleute über Monate hinweg auf engstem Raum. Wie in einer Fabrik erleichtern diese gemeinsam geteilten Umstände den Menschen das Verständnis, dass ihr Kampf ein gemeinsamer ist. Daran hat sich nichts geändert.

Flugzeugträger der US-Marine haben eine Besatzung von rund 5.000 Menschen, was bedeutet, dass die Lebensbedingungen trotz ihrer enormen Größe beengt sind. Nachschub kann zwar aus der Luft eingeflogen werden, doch bei so vielen zu versorgenden Menschen wird vieles rasch knapp. Man muss bedenken, dass diese Menschen sich an ihrem Arbeitsplatz befinden. Tag für Tag wiederholen sie die gleichen Abläufe mit denselben Personen unter der direkten Disziplin des Staates. Sie sind von ihren gewohnten sozialen Netzen und von allen Möglichkeiten abgeschnitten, ihren Stress außerhalb der Dienstzeiten abzubauen. Die Kommunikation mit der Heimat verläuft oft lückenhaft. Die Praxis des sogenannten Hot-Racking (des geteilten Kojenplatzes) führt dazu, dass nicht einmal ein eigener Schlafplatz vorhanden ist und jeder Seemann nach der Schicht in ein Bett steigt, das noch von der Körperwärme des vorherigen Schläfers aufgewärmt ist.

Auf der Potemkin schlägt Wakulintschuks Agitation gegen die Demütigung des schlafenden Matrosen rasch in den Boykott des Borschtsch, die Proteste gegen das Madenfleisch und schließlich in die Meuterei um, als der Kapitän versucht, die Ordnung mit brutaler Härte wiederherzustellen. In einem dramatischen Höhepunkt des Films hängt das Gelingen oder Scheitern der Meuterei daran, ob es den Matrosen gelingt, die an Bord befindlichen Marineinfanteristen umzustimmen, die den Befehl haben, die Meuterer durch ein Erschießungskommando hinzurichten. Der Aufstand kann nur gelingen, wenn er auf die Marineinfanteristen übergreift, also über jene ursprüngliche Gruppe hinaus, die ihre Solidarität auf einer identischen Unterdrückungserfahrung aufgebaut hat. Als Wakulintschuk bei der Meuterei erschossen wird, zieht sein aufgebahrter Leichnam an der Küste von Odessa Trauernde an, die durch diese Erfahrung und die begleitende Agitation politisiert werden. Die revolutionäre Stimmung greift auf die Stadt über und beweist, dass Solidarität weit über jene hinauswachsen kann und muss, die unmittelbar dieselben Lebensbedingungen teilen. Der Aufstand der Arbeiter wird jedoch von Soldaten und Kosaken mit äußerster Brutalität niedergeschlagen. Sie finden im Gegensatz zu den Marineinfanteristen auf der Potemkin keine Gemeinsamkeiten mit jenen, die sie zu unterdrücken abkommandiert sind, und den Arbeitern bleibt keine Zeit, eine Solidarität mit ihnen aufzubauen.

Letztlich gelang es den Revolutionären in Russland zwölf Jahre später im Oktober 1917, weite Teile des Heeres und der Marine mit den Arbeitern zu solidarisieren, was den Ausschlag für den Erfolg der Revolution gab. Auch die deutsche Revolution von 1918 wurde durch den Kieler Matrosenaufstand entfacht, als sich die Matrosen weigerten, sich in einem offenkundig verlorenen Krieg sinnlos opfern zu lassen.

Das politische Potenzial der Marine ist keineswegs eine Angelegenheit längst vergangener Zeiten. In den 1970er-Jahren organisierten sich Seeleute der US-Marine ebenso wie einfache Heeres-Soldaten gegen die Beteiligung am US-Krieg in Vietnam. Damals formierte sich die Bewegung unter den Soldaten an Land allerdings erfolgreicher und früher als in der Marine. Nachdem die Soldatenbewegung Bodenoperationen in Vietnam durch Befehlsverweigerungen, Attentate auf Offiziere (Fragging) und Desertionen zunehmend unmöglich gemacht hatte, verlagerte die Nixon-Regierung den Schwerpunkt auf den Luftkrieg. Die Bewegung Stop Our Ships konzentrierte sich auf die Flugzeugträger, um diese Luftkriegsstrategie zu durchkreuzen. Zwar gelang es ihnen nicht, den Krieg vollständig zu stoppen, doch konnten sie die Verschiebung oder Abänderung von Kampfeinsätzen erzwingen. Sie übernahmen zwar keine Kriegsschiffe, doch gelang es den Seeleuten, durch Ungehorsam, Sabotage und das Zusammenwirken mit zivilen Blockaden spürbaren Einfluss auszuüben.

Heute, da sich der Krieg gegen den Iran ohne absehbares Ende hinzieht, bedeutet der Verlust von US-Stützpunkten in der Region, dass sowohl die als Ersatz für die Lincoln entsandten Flugzeugträger als auch zahlreiche kleinere Einheiten weiterhin unter chronischen Versorgungsmängeln leiden werden. Dieser Krieg stößt in der Bevölkerung wie auch innerhalb der Streitkräfte auf tiefe Ablehnung. Seit Kriegsbeginn verzeichnet das Militär eine Rekordzahl von Anträgen auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen. Wir sollten die Unzufriedenheit in der Marine aufmerksam verfolgen und uns dafür einsetzen, dass unsere politische Botschaft möglichst viele Menschen erreicht.

Der Film Panzerkreuzer Potemkin kann kostenlos über Kanopy.com gestreamt werden, zugänglich über öffentliche Bibliotheken.

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