
Während der Rechtsruck sich in immer mehr Ländern Südamerikas ausweitet, brodelt es in Bolivien. Nicht mal sechs Monate nach der Wahl des konservativen Präsidenten Rodrigo Paz haben seine massiven Sparmaßnahmen während der Wirtschaftskrise für den Funken gesorgt, der massive Proteste entflammte. Geführt von Arbeiter:innen und Bäuer:innen gab es seit Anfang Mai über 120 Straßenblockaden, mit täglichen Versammlungen, die der Repression durch die Armee trotzen. Die Demonstrant:innen forderten den Rücktritt des Präsidenten, doch die gewerkschaftliche Führung setzte stattdessen auf Verhandlungen mit einer sehr geschwächten Regierung
Seit November 2025 kündigte die Paz-Regierung mit Unterstützung des IMF und des US-Imperialismus massive Kürzungen an. Konkret drohte der völlige Abbau des öffentlichen Dienstes und der Subventionen für den ärmeren Teil der Bevölkerung sowie eine Liberalisierung der Landwirtschaft, die zur massiven Verschuldung von Bäuer:innen führt. Gleichzeitig werden die Unternehmen gefördert und die Märkte für den Abbau von Lithium geöffnet. Klar ist, dass trotz Paz‘ Versprechen eines „Kapitalismus für alle“ die Krise auf Kosten der Arbeitenden und indigenen Bevölkerung „gelöst“ werden soll.
Doch dieses sehr ungleiche Land kennt eine lange Tradition von Widerständen und Generalstreiks gegen die Ausbeutung, unter anderem von Bergbauarbeiter:innen.
Eine zentrale Rolle der Arbeiter:innenklasse in einer revolutionnären Bewegung
Mit der Verdoppelung des Benzinpreises und 14 % Inflation im April wurde die Situation immer unerträglicher. Daraufhin brachen Proteste von Bäuer:innen, Lehrer:innen und Arbeiter:innen aus, die sich mit Straßenblockaden schnell über das ganze Land erstreckten. Am 1. Mai rief der größte Gewerkschaftsdachverband Boliviens (COB) zu einem unbefristeten Streik für eine Erhöhung der Löhne auf. Aber diese Bewegung politisierte sich rasch darüber hinaus, durch tägliche Versammlungen von Basisaktivist:innen, die den Rücktritt von Paz forderten. Am 12. Mai marschierten Tausende von Arbeiter:innen zur Hauptstadt La Paz. Daraufhin gab die Paz-Regierung am folgenden Tag ihre Agrarreform auf.
Doch unter dem Druck der Basisversammlungen ging die Bewegung weiter und wurde trotz Hetzkampagne und Repression nicht eingeschüchtert. In San Julian wehrten Streikende die Repression durch Polizei und rechtsextreme Milizen mit Dynamit ab.
Kein Frieden mit Paz
Die Regierung scheiterte daran, die Bewegung durch Armee und rechtsextreme Milizen niederzuschlagen. Erst nach Verhandlungen rief die COB am 19. Juni zum Ende der Straßenblockaden auf. Am 20. Juni erklärte die Paz-Regierung den Ausnahmezustand und benutzt diesen seitdem, um Führer:innen der Bewegung und Aktivist:innen zu kriminalisieren.
Diese Bewegung zeigt die gewaltige Kraft auf, die drei Millionen Arbeiter:innen und Bäuer:innen gegen kapitalistische Unterdrückung haben, eine Macht, die sich selbst in Blockadekomitees und täglichen Versammlungen organisierte. Doch erlangten die Massen, auch wenn sie das Vorgehen der COB kritisierten, nicht die Kontrolle über die COB, die an der Spitze der Bewegung stand. Die Gründe der Wut sind nicht verschwunden, die kommenden Bewegungen müssen die Macht den Händen der bürokratischen Gewerkschaftsspitze und den Kapitalist:innen entreißen.
Eva Ruth, Hamburg
