
René Benko galt als der Selfmade-Milliardär Österreichs. Nach einem rasanten Aufstieg folgte nun der große Crash – und die mit Abstand größte Firmenpleite der österreichischen Geschichte. Das Vermächtnis: tausende Kündigungen, versenkte Steuergelder in Millionenhöhe, teure Mieten und negative Auswirkungen in etlichen Innenstädten. Blöd gelaufen? Nein, viel mehr ein Lehrbeispiel über den heutigen Kapitalismus.
Wäre da nicht die ungünstige Pleite dazwischen gekommen, hätte die Karriere von René Benko durchaus Potential für einen schmierigen Film über einen Schulabbrecher, der es bis an die Spitze zum Milliardär schaffte. Mitte der 1990er begann Benko damit in der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck Dachböden in Luxuswohnungen umzubauen. 2000 gründete er das Unternehmen Immofina und gewann wenig später seinen ersten großen Investor (25 Millionen Euro).
2004 wurde das Kaufhaus Tyrol in der Innsbrucker Innenstadt gekauft, dessen Neubau 2010 eröffnete. Die Entwicklung von luxuriösen Shopping-Immobilien in teuren Innenstadtlagen wurde zu einem wichtigen Kerngeschäft des 2006 in Signa umbenannten Unternehmens. Es folgte das Goldene Quartier in Wien, der Kauf von Karstadt 2013/14 sowie von Galeria Kaufhof und der Möbelhauskette Kika/Leiner 2018. Der Erwerb des ikonischen Chrysler Building in New York City und der Bau des Elbtowers in Hamburg erhöhten Prestige und Wert der Signa weiter.
Die Blase platzt …
Seit Herbst 2023 meldeten nun der Reihe nach alle wichtigen Firmen des Signa-Imperiums Insolvenz an. Als Begründung werden stark gestiegene Kreditzinsen und Baukosten genannt. Als weiteres Problem kommen fallende Immobilienpreise dazu. Diese Entwicklungen treffen allerdings nicht nur Signa, sondern die gesamte Immobilienbranche. Diese Erklärungen kratzen somit nur an der Oberfläche. Zum einen weil der ganze Signa-Konzern insolvent ist (Handel, Vermietung und Neubau) und nicht nur die Finanzierung einzelner Bauprojekte Probleme bereitet. Zum anderen weist der Signa-Crash Parallelen zu klassischen Immobilien-Krisen auf, wie etwa der Subprime-Krise, die am Anfang der Finanzkrise ab 2007/08 stand.
Steigende Immobilienpreise locken Investoren an. Immobilienkäufe und die Entwicklung neuer Projekte gelten als sicher und lukrativ, weil diese mit steigenden Immobilienpreisen „besichert“ sind. Die Spirale dreht weiter nach oben: mehr investiertes Kapital lässt die Preise weiter steigen – bis nicht mehr genügend frisches Kapital nachfließt, um die Spirale weiter am Laufen zu halten. Die Blase platzt und die Preise fallen. In Folge können Kredite nicht zurückbezahlt werden und die Krise zieht immer weitere Kreise.
… nach der Aufwertung
Das letzte Jahrzehnt war von stark steigenden Immobilienpreisen geprägt – die meisten von uns merken das deutlich beim Bezahlen der Miete. Steigende Preise in Kombination mit niedrigen Finanzierungskosten (Zinsen) lockten massiv Invenstorengelder in die Immobilienbranche. Der rasante Aufstieg von Signa ist da keine Ausnahme, weist aber ein paar Besonderheiten auf.
Der zentrale Baustein des über Jahre kontinuierlichen Aufstiegs von Signa war die beständige Aufwertung der eigenen Immobilien in den Bilanzen. Das ermöglichte die Steigerung des Werts der Firma, die Besicherung von neuen Krediten und die Ausschüttung von Dividenden an die Investoren. So lockte Benko wiederum frische Investoren, die die Spirale am Laufen hielten. Alfred Gusenbauer (siehe unten) bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Am allerliebsten ist Investoren, wenn sie die Gewissheit haben, dass die Dividenden jedes Jahr fließen und sie das auch in ihren Berechnungen, was die Liquidität betrifft, berücksichtigen können. Und das hat er (Benko) halt von Anfang an geschafft.“ Und tatsächlich hat Signa über die Jahre kontinuierlich und ständig steigende Dividenden ausbezahlt. Die zwei Hauptgesellschaften der Signa (Signa Prime und Signa Development) hatten 2020 zusammen noch mehr als 300 Millionen Euro Dividende ausgeschüttet.
1.000 Firmen – wofür?
Das Signa-Imperium ist über die Jahre zu einem völlig undurchschaubaren Geflecht aus über 1000 (!) Firmen angewachsen. Mit diesen Konstruktionen ließen sich nicht nur Steuern sparen, sondern auch andere Tricksereien umsetzen. Zum Beispiel bei Galeria Kaufhof Karstadt, wo die Immobilien und das Kaufhausgeschäft in verschiedene Teilfirmen des Konzerns aufgespalten wurden. Während eine Firma die Investoren mit hohen Mieteinnahmen locken und zufrieden stellen konnte, geriet eine andere Firma im selben Konzern wegen der horrenden Mieten zunehmend unter Druck, kündigte Mitarbeiter:innen und wurde mit Steuergeldern aufgefangen.
Das Firmengeflecht ermöglichte auch das Verschieben von Werten zwischen Firmen des Konzerns. So wurden etwa 2020 in den beiden großen Hauptfirmen (Prime und Development) jeweils „Anpassungen an fehlerhafte Vorjahreszahlen“ vorgenommen, angeblich wegen technischer Anpassungen an neue Bilanzierungsregeln. Dabei wurden deutlich mehr als eine Milliarde Euro umgruppiert. Etliche der Signa-Firmen haben zudem einfach keine Jahresabschlüsse vorgelegt, die Strafen dafür waren niedrig bzw. wurden billigend in Kauf genommen. Da könnte der Eindruck entstehen, dass mit Bilanztricks Schulden zwischen verschiedenen Signa-Firmen verschoben wurden, um weiterhin schöne Zahlen zu präsentieren und Dividenden auszuschütten. Was genau da alles abgelaufen ist, lässt sich wohl nie ganz ergründen – und das war wohl aus diversen Gründen genauso gewollt.
Bestens Vernetzt
Teil von René Benko’s Strategie war von Anfang die Etablierung von direkten Verbindungen zu höchsten Politikkreisen unterschiedlicher Parteien. Bereits bei Benko’s erstem großen Projekt, dem Kaufhaus Tyrol, war der damalige SPÖ-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer involviert. Nur wenige Wochen nach seinem Ausscheiden aus der Politik wurde Gusenbauer für Signa tätig. In seinem Vertrag wurde eine Basisvergütung von jährlich 280.000 € für eine Woche Arbeit pro Monat vereinbart. Gusenbauer stieg in kurzer Zeit zum wohlsituierten Millionär und Investor auf. Für Signa war er in Folge als Aufsichtsrat, im Beirat, als Berater und Investor tätig. Als Aufsichtsrat „beaufsichtigte“ er somit seine eigenen Geschäfte. Als Berater soll er alleine zwischen 2020 und 2022 sieben Millionen Euro erhalten haben.
Ein weiterer Ex-Bundeskanzler mit besten Verbindungen zu René Benko ist Sebastian Kurz (ÖVP). Als Benko den Erwerb des Leiner-Kaufhauses in Wien noch vor Jahreswechsel über die Bühne bringen wollte, wurde auf Kurz‘ Intervention extra in den Weihnachtsfeiertagen das zuständige Gericht geöffnet. Sebastian Kurz dürfte für Benko auch Kredite vom Staatsfonds von Abu Dhabi für Signa vermittelt haben. Für 2023 stellte Kurz der Signa Honorare über rund drei Millionen für die Vermittlung von Krediten in Rechnung.
Ebenfalls Ex-Politikerin und für Signa tätig ist Susanne Riess, Ex-Vizekanzlerin (FPÖ) und Generaldirektorin bei Wüstenrot. Dazu kommen zahlreiche Ex-Banker (etwa der Raiffeisen Bank International und der Bank Austria UniCredit) sowie ehemals hohe Funktionäre (Casinos Austria) und diverse Unternehmer. Neben guten Kontakte sollten bekannte Gesichter gegenüber der Öffentlichkeit sowie den Investoren wohl für ein seriöses, vertrauenswürdiges Bild sorgen.
Und wer zahlt’s? Wir!
Egal wie die Signa-Pleite genau enden wird, René Benko und die involvierten Investoren werden am Ende weiterhin eines sein: reich! Die Zeche bezahlen wie schon bisher die Arbeitenden – und zwar gleich in mehrerlei Hinsicht. Tausende Menschen haben bei Galeria Kaufhof, Karstadt und Kika/Leiner ihre Jobs verloren. Diverse Signa-Firmen wurden bereits in den letzten Jahren mit Millionen an Steuergeld „gerettet“, durch die Pleite droht noch viel mehr Verlust an Steuergeldern. Die explodierten Wohnungsmieten der letzten Jahre sind auf massiven Zufluss spekulativen Kapitals und damit einhergehende steigende Immobilienpreise zurückzuführen. Signa hat zwar mit Mietwohnungen wenig zu tun, war aber ein wichtiger Player um die Goldgräberstimmung zu befeuern. Die Luxus-Shopping-Projekte haben zudem dazu beigetragen etliche Innenstädte zu überteuerten und versnobbten Gegenden verkommen zu lassen. Etliche unfertige Signa-Großbaustellen werden außerdem die nächsten Jahre diverse Innenstädte verschandeln. Es ist gut möglich, dass bald weitere Immobilienfirmen Pleite gehen – aktuell stehen etliche Bauprojekte still. Bis zur nächsten Blase und Krise. Und bis wir dem kapitalistischen Wahnsinn ein Ende bereiten.
Johannes Wolf, Wien
