
Die heutige Instabilität im Nahen Osten, die zahlreichen Kriege und die unerträglichen Lebensbedingungen für den Großteil der Bevölkerungen sind das Erbe von Kolonialismus und Imperialismus. Wie in anderen Teilen der Welt auch, haben auch hier die westlichen Mächte autoritäre Regime installiert, Konflikte gefördert und Allianzen nach ihrem geopolitischen Nutzen geformt. Eine kurze Skizze einer langen Geschichte.
Neuaufteilung am Reißbrett
Nachdem das Osmanische Reich im Zuge des Ersten Weltkriegs geschlagen wurde und zerfiel, wurden die von ihm bis dahin kontrollierten Gebiete im Nahen Osten unter den westlichen Imperialismen aufgeteilt. 1916 wurde das Sykes-Picot-Abkommen hinter verschlossenen Türen ausgehandelt. Großbritannien und Frankreich zogen willkürlich Linien durch das Osmanische Reich, ohne Rücksicht auf Sprach-, Religions- oder Völkerzugehörigkeiten. Großbritannien wurde die Vorherrschaft über ein Gebiet zuerkannt, das etwa dem heutigen Jordanien und Irak entspricht. Frankreich sollte die Herrschaft über die Südost-Türkei, den Nordirak, das heutigen Syrien sowie den heutigen Libanon übernehmen. Jedes Land konnte die Staatsgrenzen innerhalb seiner Einflusszone frei bestimmen.
Diese kolonialistische Grenzziehung schuf den Nährboden für Konflikte und Instabilität im Nahen Osten über Jahrzehnte hinweg. Im Jahr vor dem Abkommen wurde von Großbritannien der arabischen Bevölkerung noch eine künftige Unabhängigkeit in Aussicht gestellt, wenn diese gegen das Osmanische Reich kämpfe.
Ägypten, Afghanistan, Irak
Wenn infolge des Zweiten Weltkrieges Frankreich und Großbritannien ihre Mandate überließen, bedeutete das jedoch nicht das Ende ihres Einflusses in der Region. 1956 marschierte Israel mit britischer und französischer Unterstützung in Ägypten ein. Ziel war es die Kontrolle über den durch den ägyptischen Präsidenten Nasser verstaatlichten Suezkanal zu erlangen. Seit seiner Gründung fungiert Israel als zentraler Akteur für die Durchsetzung westlicher Interessen in der Region.
Der Kalte Krieg zwischen den USA und Russland wurde auch im Nahen Osten ausgetragen. In Afghanistan pumpten die USA in den 1980ern Waffen und Geld in Mudschahedin-Gruppen, um die Sowjetunion, die in Afghanistan einmarschiert war, zu bekämpfen. Aus diesen Kräften entstanden später die Taliban – einst gefeiert, dann verflucht. Ähnlich verhielt es sich mit Saddam Hussein: In den Achtzigern erhielt der irakische Diktator Milliardenkredite und Geheimdiensthilfe, um den schiitischen Iran zu schwächen. Als Saddam 1990 Kuwait besetzte, war er plötzlich der Bösewicht, den man 2003 stürzte.
Iran, der Schah und das Erdöl
Auch in Iran haben die Interventionen des westlichen Imperialismus tiefgreifende historische Spuren hinterlassen. 1951 wurde Mohammad Mossadegh iranischer Premierminister. Er versprach eine sozialreformerische Politik und wollte die Profite imperialistischer Ölkonzerne im Land zugunsten Irans beschneiden. Das bedrohte westliche Interessen. 1953 organisierten CIA und MI6 unter dem Codenamen „Operation Ajax“ einen Putsch. Der autoritäre Schah wurde wieder eingesetzt.
Der Schah sollte als Bollwerk gegen die Sowjetunion dienen und westlichen Zugang zu iranischem Öl sichern. Dabei kam es auch zu einer Annäherung mit Israel. Iran war nach der Türkei das zweite muslimische Land, das Israel faktisch anerkannte und diplomatische Kontakte aufnahm. Es wurden mehrere „Öl für Waffen“-Abkommen geschlossen. Israel erhielt iranisches Öl, während Iran moderne Waffentechnologie und militärische Beratung bekam. Auch auf Ebene der Geheimdienste gab es Zusammenarbeit.
Die iranische Revolution 1979 begann zunächst als breite soziale Bewegung gegen das autoritäre Schah-Regime – getragen von Arbeiter:innen, Studierenden, Linken und religiösen Gruppen. Nach dem Sturz des Schahs übernahmen jedoch islamistische Kräfte um Ayatollah Chomeini die Führung, auch weil bewusste revolutionäre Organisationen fehlten. Was als eine breite soziale Aufstandsbewegung begonnen hatte, endete in der neu errichteten Islamischen Republik.
Die Geschichte zeigt: eine Befreiung der Region kann nur durch eine Revolte der Völker und der Arbeitenden gelingen – nicht durch oder mit den westlichen imperialistischen Ländern, sondern nur gegen sie!
Johannes Wolf, Wien und Eva Ruth,
Hamburg
