Das 9-Euro-Ticket – Ein Sommermärchen  

Nach dem Ende des 9 Euro-Tickets, das über den Sommer drei Monate im gesamten Nah- und Regionalverkehr in ganz Deutschland galt, ist weiter unklar, wie es weiter geht. In der Politik und bei den Bahnunternehmen ist eine Verlängerung nicht gewollt.

Das 9 Euro-Ticket war Teil des ersten „Entlastungspakets“ der Bundesregierung angesichts der allgemeinen Preissteigerungen. Auch wenn nach dessen Ende seltsame Studien und Kommentare auftauchten, die die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme anzweifelten oder sogar die Menschen, die die Züge und Busse nutzten, beleidigten (der „liberale“ Bundesfinanzminister Lindner von der FDP sprach arrogant von „Gratismentalität“), ist der Erfolg offensichtlich. 52 Millionen dieser Tickets wurden verkauft, zusätzlich zu den 10 Millionen Abonnenten.    17 % der 9-Euro-Ticket-Nutzerinnen und Nutzer waren im August von anderen Verkehrsmitteln wie Pkw, Fahrrad etc. auf den ÖPNV1 umgestiegen. 10 % der Käuferinnen und Käufer des 9-Euro-Tickets verzichteten auf mindestens eine ihrer täglichen Autofahrten. Drei Monate haben so viel CO2 eingespart wie ein Jahr Tempolimit.

Die Zukunft ist die Bahn

Ja, die Züge waren auf einigen Strecken und zu bestimmten Zeiten übervoll. Das zeigt, dass die Menschen reisen wollen! Und dass die sonst super hohen Preise sehr viele Familien, Jugendliche und Menschen mit eher durchschnittlichen und geringen Einkommen ausgrenzen. Um innerhalb des Ruhrgebietes die 30 min von Düsseldorf nach Köln zu reisen, muss man normalerweise pro Strecke 11,30 Euro berappen. Das Schülerticket reicht so weit nicht. Das 9 Euro Ticket hat es vielen ermöglicht, im Sommer mit dem Regionalzug an den See zu fahren oder Familie und Kumpels in der nächsten Stadt zu besuchen. In manchen übervollen Zügen in Richtung von Urlaubszielen entwickelte sich eine Art Ferienlager-Vorfreude-Atmosphäre mit gegenseitiger Hilfe, alle saßen im… selben Zug. Warum soll Mobilität auch nur für Leute mit Auto und viel Geld möglich sein? In dieser Hinsicht war das 9 Euro-Ticket ein Vorgeschmack auf kostenlosen ÖPNV. Kein Wunder, dass Leute wie Lindner dieses 9 Euro-Ticket hassen.

Auf der anderen Seite waren übervolle Züge eine Belastung für Pendler:innen, die die Züge für die Fahrt zur Arbeit nutzen. Und in ländlichen Regionen änderte das Ticket fast nichts. Aber dort werden seit Jahrzehnten Bahn- und Buslinien ausgedünnt und ganz geschlossen. In diesem Sommer wurden sogar bundesweit Strecken zur Hauptzeit vorübergehend reduziert! Aber vor allem waren übervolle Züge eine Qual für die Bahner:innen. Viele Züge hatten Verspätung. Das brachte die Dienstpläne durcheinander. Sie konnten so voll sein, dass die Sicherheitsregeln kaum noch eingehalten wurden, Fahrgäste mussten auf den Bahnsteigen zurückbleiben, was Stress und Ärger bedeutete. Es zeigten sich die alten Probleme: zu wenig Personal, zu wenig Züge. Die Fortsetzung des 9 Euro-Tickets erfordert dringend Einstellungen, Ausbildung, Anschaffung neuer Züge, Ausbau der Werkstätten und Gleise. Die Bahner:innen sagen das schon lange (hätten sie bei der Deutschen Bahn und den anderen Bahnunternehmen das Sagen, sähe die Situation viel besser aus).

Seit Monaten läuft nun das Palaver in der Politik über ein Nachfolgeticket. das zwischen 49 und 69 Euro kosten wird. Bis zu 750% teurer! Ja ja, die Inflation. Wie immer geht es bei den Diskussionen darum, aus welchem Topf des Staates das Geld kommen soll, denn die drei Monate 9 Euro Ticket hatten zusätzlich 2,5 Milliarden Euro gekostet. Aber Volkswagen hat in den ersten 6 Monaten dieses Jahr 10 Milliarden Gewinn gemacht. Für die Bundeswehr waren – ohne langes „diskutieren“ – 100 Milliarden da, ganz zu schweigen von 29 Milliarden für Uniper. Geld ist an sich nicht das Problem, aber ein soziales klimafreundliches Ticket schon. Kapitalismus nervt.

Die rot-rot-grüne Berliner Landesregierung hat für Oktober bis Dezember einen Nachfolger geschaffen für 29 Euro. Der gilt aber nur für Abonnenten.

Inzwischen haben mehrere Verkehrsverbünde und die Deutsche Bahn Preiserhöhungen angekündigt!

Sabine Müller, Berlin

1 Öffentlicher Personennahverkehr

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