Vor 70 Jahren – Ein vereiteltes Comeback der Arbeiter:innenklasse in die Politik

Am 17. Juni 1953 brach in Berlin und in mehreren Städten der DDR ein Arbeiter:innenaufstand aus. Zum ersten Mal seit Ende der Weimarer Republik ging die deutsche Arbeiter:innenklasse wieder in die Offensive. War das ein Aufstand gegen den „Sozialismus“?

1952 wurde von der in der DDR regierenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) der „planmäßige Aufbau des Sozialismus“ beschlossen. In Übereinstimmung mit den sowjetischen Besatzern ging es aber überhaupt nicht darum, die Macht den Arbeiter:innen zu übertragen. Dieser spät ausgerufene „Sozialismus“ war für die stalinistischen Besatzer eher die beste Lösung für den aufziehenden Kalten Krieg.

Zum Kriegsende 1945 wurde der Arbeiter:innenklasse von den Stalinist:innen vorgeworfen, sie trage die Verantwortung für den Krieg. Wer diese Auffassung kritisierte, litt unter Repression – wie etwa der Aktivist Oskar Hippe, der 1948 verhaftet wurde. So wurde das revolutionäre Potential der Debatte über der Ursprung des Faschismus erstickt.

1953 war die Arbeiter:innenklasse selbstsicherer geworden. Im Mai wurde in der DDR eine Erhöhung der Arbeitsnormen um 10 % angekündigt. Dieser Versuch der Parteiführung, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten auf dem Rücken der Arbeitenden zu lösen, war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Am 15. Juni kam es an einer Baustelle der Stalinallee zur ersten Arbeitsniederlegung. Am 17. bereiteten sich schon in ganz Ostdeutschland eine Million Personen vor zu demonstrieren. Gegen 9 Uhr rissen Berliner Arbeiter:innen die Sektorenschilder zum amerikanischen Sektor heraus und trugen sie scherzhaft auf die Straße.

Eine krasse Repression

Der Aufstand hatte eine starke politische Dimension. Die Frage, wer in der russischen Besatzungszone regieren sollte, und sogar die Teilung Deutschlands standen auf dem Spiel. Das war mehr als die stalinistischen Machthaber ertragen konnten und so zeigte die „Deutsche Demokratische Republik“ vier Jahre nach ihrer Gründung ihr wahres Gesicht. Die Repression, die in der Nacht zum 17. Juni im Hauptquartier des sowjetischen Oberkommandos vorbereitet wurde, kostete etwa 60 Personen das Leben. Verletzte Demonstrant:innen ließen sich lieber nicht im Krankenhaus behandeln – aus Furcht, festgenommen zu werden. Sieben Menschen wurden nach Todesurteilen von sowjetischen und DDR-Gerichten hingerichtet, 15.000 wurden verhaftet.

Rest in Peace“?

Die SED behauptete der Aufstand sei die Tat von Faschisten gewesen. Diese irrsinnige Auffassung wurde gerade von jener Partei vertreten, die aus einem Zusammenschluss von SPD und KPD entstand – also aus jenen Parteien, deren Führungen vor 1933 unfähig waren den Kampf gegen den Faschismus zu organisieren.

Siebzig Jahre später gibt es kaum noch Stalinist:innen, die diese Repression rechtfertigen. Aber noch immer gewisse „Marxisten-Leninisten“, die das ganze als „Fehler“ beim Aufbau des Sozialismus abtun. Doch die Lumpen um Walter Ulbricht hatten mit Sozialismus nichts zu tun!

Die bürgerlichen Parteien stellen sich schon immer auf die Seite der Demonstrant:innen und Streikenden – jedenfalls sobald der Aufstand niedergeschlagen war. Aber nicht aus Solidarität mit rebellierenden Arbeiter:innen, sondern um einen billigen Antikommunismus zu verbreiten – auch wenn der Aufstand sich gar nicht gegen den Kommunismus richtete. Die Arbeiter:innen hatten zwar gut verstanden, dass diese Regierung nichts mit ihren Interessen zu tun hatte. Auch ein paar rote Fahnen wurden zerrissen. Doch weder der Deutsche Aufstand 1953 noch der Ungarische Volksaufstand 1956 drückten einen Willen der breiten Bevölkerung aus, im Kapitalismus leben zu wollen. Die stalinistische Repression traf sie aber alle gleich. Bis heute erschwert sie die Aufgabe derjenigen, die sich vorgenommen haben, eine Alternative zum Kapitalismus zu verteidigen.

Lorenz Wassier, Berlin

Zum Weiterlesen:

Oskar Hippe: „Und unsre Fahn ist rot“, Autobiografie, https://manifest-buecher.de/produkt/und-unsere-fahn-ist-rot/

Beitragsbild: https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/sites/default/files/2022-12/17_juni_1953_fb002901.jpg

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