
Die Flugbranche wurde von der Corona-Pandemie besonders hart getroffen, allerdings war sie auch schon davor einem extremen Konkurrenzdruck ausgesetzt. Nicht zuletzt steht sie auch als „Klimakiller“ in der Kritik. Die Rettungen von Lufthansa in Deutschland und ihrer Tochter Austrian Airlines in Österreich durch die Regierungen gehören zu den größten Einzelmaßnahmen in der aktuellen Krise. Doch wer wurde dabei gerettet?
Das Hilfspaket der deutschen Bundesregierung für Lufthansa soll ca. 9 Milliarden betragen. Dabei geht es um Kredite und den Kauf von Lufthansa-Aktien.
Dafür soll der Staat 20 % der Anteile bekommen, ohne sich aber in die Geschäfte einzumischen. Insbesondere gibt es also keinerlei staatliche Vorgaben zur Klimapolitik oder zur Beschäftigungssicherung.
In den letzten fünf Jahren hat Lufthansa insgesamt 9 Milliarden Gewinn gemacht! Und wohl gemerkt, Lufthansa hat gerade einen Börsenwert von 4,45 Mrd. Euro. Der deutsche Staat sichert sich also für 9 Mrd. Euro 20 % der Aktien an einem Unternehmen, das 4,45 Mrd. Euro Börsenwert hat! Da fragt man sich – warum ist der Staat kein Gebrauchtwagenhändler, der mein altes Auto, welches 4.500 Euro wert ist, für 9.000 Euro kauft und mir sagt, fahr weiter, wie du willst… Die Hilfen sind natürlich an „harte“ Auflagen gebunden. So sollen die Aktionäre auf Dividende verzichten. Der Vorstandschef hat eine Kürzung seines Festgehalts um 20 % angeboten. Angesichts der Tatsache, dass er 2017 über 4 Millionen Euro verdient hat, ist das ein Witz für all die Beschäftigten der Lufthansa, die wegen Kurzarbeit zum Teil kaum mehr als 1.000 Euro im Monat verdienen oder vor Entlassungen stehen.

„Über den Wolken, muss die Frechheit wohl grenzenlos sein…“
Denn trotz des staatlichen Milliardensegens hat Lufthansa angekündigt, dass es weltweit eine „Überkapazität“ von 22.000 Stellen, davon 11.000 in Deutschland gäbe. Das ist fast jede sechste Stelle, die Lufthansa streichen möchte! Hunderte von Kündigungen an kleineren Standorten wurden schon verschickt. Bis zum 22. Juni (nach Redaktionsschluss der Aurora) soll mit den zuständigen Gewerkschaften über ein Sparpaket auf dem Rücken der Beschäftigten verhandelt werden. Angesichts der Erpressung mit tausendfachen Jobverlusten sind die Gewerkschaften offenbar bereit, den staatlichen Milliarden noch Hunderte Millionen aus den Taschen der Beschäftigten hinterher zu werfen. So erklärte sich die Pilotengewerkschaft Cockpit zu Lohnverzicht in Höhe von 350 Millionen Euro allein bei den Piloten bereit (bis zu 45 % Lohnkürzung!).
Allerdings hat ver.di am 19. Juni auch zu Protesten unter dem Motto „Menschen retten statt Konzerne“ aufgerufen, an denen sich 1.300 Beschäftigte aus der Luftfahrt beteiligt haben. Doch um den Lufthansa-Chef*innen ihre Frechheiten auszutreiben, wären deutlich größere Aktionen notwendig.
Austrian Airlines: Eine Erfolgsgeschichte, aber nur für die Aktionär*innen
Die ehemals staatliche Austrian Airlines (AUA) wurde 2009 für nur 366.000 Euro an die Lufthansa verkauft. Die 500 Millionen Euro Schulden behielt sich der österreichische Staat. Dafür wurden Arbeitsplätze abgebaut und es wurde gespart.
Jetzt wurde die AUA abermals gerettet. Sie erhält 300 Millionen Kredite und 150 Millionen Zuschuss, der nicht zurückgezahlt werden muss. Durch Personalabbau und Gehaltsverzicht sollen weitere 300 Millionen gespart werden. Außerdem soll die Kurzarbeit bis 2022 verlängert werden.
Die türkis-grüne Regierung verteidigt den Deal. Die Grünen bewerben ökologische Aspekte. Tatsächlich soll die Treibstoffeffizienz gesteigert werden, moderne Geräte sollen Fluglärm reduzieren und auf Mittelstreckenflügen sollen 2 Prozent alternative Treibstoffe beigemischt werden. Kurzstreckenflüge in Österreich sollen auf die Schiene verlegt werden – wo es „zumutbar“ ist. All diese Maßnahmen waren in Wirklichkeit bereits geplant und sind in der Branche üblich. Der erste Flug nach der Corona-Pause ging übrigens von Wien nach München (Flugdauer 57 Minuten).
Während bei Mitarbeiter*innen gespart wird und CO2-Emissionen auch noch mit Steuergeldern bezahlt werden, können Aktionär*innen aufatmen. Nach der Bekanntgabe des Deals stiegen die Aktienkurse um 10 %.

Laudamotion/Ryanair: Kampf der Gewerkschaft
Die österreichische Billigfluglinie Laudamotion, mittlerweile Ryanair-Tochter, ist ein Paradebeispiel für Angriffe auf die Rechte der Arbeitenden: Laudamotion erkennt den neu gegründeten Betriebsrat nicht an, im Unternehmen wurden kranke Mitarbeiter*innen unter Druck gesetzt und Rechte der Arbeitenden mit Füßen getreten.
Nun hat Ryanair gedroht, den Laudamotion-Standort in Österreich zu schließen, wenn die Gewerkschaft vida nicht einem Kollektivvertrag zustimmt, in dem Flugbegleiter*innen (ohne Zulagen) weniger verdienen würden als die Mindestsicherung1 in Wien ausmacht! 300 Angestellte und 200 Leiharbeiter*innen würden ihre Jobs verlieren. Der Erpressungsversuch wurde von der Gewerkschaft abgelehnt. Daraufhin haben rund 50 Laudamotion-Mitarbeiter*innen unter anderem mit dem Slogan „Corona + Vida. Ruining lives since 2020“ gegen die Gewerkschaft protestiert. Später kam raus, dass den Beschäftigten Übernahmen in die Mutterfirma versprochen wurden, wenn sie sich an der Anti-Gewerkschafts-Demonstration beteiligen. Ein Teil der Wahrheit ist aber auch, dass sich der Gewerkschaftsapparat besonders von prekären Arbeitsrealitäten derart entfremdet hat, dass es möglich war die Gewerkschaft in dieser Sache als den Bösewicht darzustellen.
Am Ende kam ein Abschluss heraus, der nur etwas besser ist als das ursprüngliche Ultimatum: 1.200 Euro Monatslohn, etwas weniger Stellenabbau. Wer das nicht akzeptiert, fliegt… raus. Das Zugeständnis wurde offensichtlich nicht durch gewerkschaftliche Verhandlungsmacht erreicht, sondern aus der Angst des Unternehmens, durch die Schließung Flug-Slots zu verlieren.
Ökologisch und gerecht geht nur im Widerstand gegen dieses System!
Den Beschäftigten wird erzählt, es sei ja tragisch, aber angesichts der Krise der Luftfahrtbranche ginge es nicht anders, als beim Personal zu sparen und Leute vor die Tür zu setzen. Sonst wird gern argumentiert, die riesigen Milliardengewinne in normalen Zeiten seien gerechtfertigt, weil Unternehmer*innen ja das Geschäftsrisiko trügen – Pustekuchen. Wenn es schlecht läuft, sollen die einfachen Arbeitenden bluten. Wer nicht mehr gebraucht wird, kann sich zum Teufel (zum Arbeitsamt) scheren.
Die Luftfahrt ist in ihrem aktuellen Ausmaß für das Weltklima sowieso nicht zu ertragen. Doch auch für die nachhaltige Mobilität der Zukunft werden Arbeitskräfte gebraucht: Weniger Pilot*innen, aber mehr Lokführer*innen. Weniger Flug-, mehr Zugbegleiter*innen. Für das nötige Umsteuern muss kein Arbeitsplatz verloren gehen. Und für die Einzelnen, deren bisheriger Arbeitsplatz überflüssig wird, muss solange der volle Lohn weiter gezahlt werden, bis ein entsprechender Ersatz gefunden ist. Das Geld dafür ist da. 9 Milliarden Euro entsprechen genau den gesamten Personalkosten von Lufthansa. Statt die Staatshilfen einem Konzern in den Rachen zu schmeißen, dessen Geschäftsmodell Klimazerstörung heißt, um ihm dabei zu helfen, so schnell wie möglich wieder Profite zu machen, könnten von dem Geld also ein Jahr lang alle 140.000 Beschäftigen von Lufthansa voll weiter bezahlt werden. Für die 22.000 Stellen, die angeblich zu viel sind, würde es sogar 7 Jahre reichen. Weder für die Wirtschaftskrise noch für die Klimakrise darf den Arbeitenden die Rechnung aufgebrummt werden. Denn verantwortlich für die Wirtschaftskrisen (auch ohne Corona) und den Klimawandel sind die Kapitalist*innen, die kleine Schicht der Superreichen, die sich jedes Jahr mehr vom gesellschaftlichen Reichtum unter den Nagel reißen, der von der breiten Bevölkerung erarbeitet wird. Die müssen für ihre Krisen zahlen!
Um das zu erreichen, wird eine gewaltige Protestbewegung notwendig sein, die weit über die Luftfahrt hinausgeht. Doch in der Luftfahrtbranche zeigt sich nur am frühesten, was angesichts der bevorstehenden Wirtschaftskrise fast überall droht: Die Abwälzung der Krisenfolgen auf die arbeitende Bevölkerung. Deshalb muss über alle Branchen hinweg eine Widerstandfront der Arbeitenden entstehen. Wir alle sind „systemrelevant“ und halten die Gesellschaft am Laufen. Das kapitalistische System hingegen ist ein Systemfehler.
1 Vergleichbar mit HartzIV
