
Auf eigene Gefahr?
Seit Anfang der Pandemie bleibt die einzige Sorge der Betriebsleitungen der Siemensstadt im Westen Berlins, die Produktion weiter zu führen. Bei Siemens wurden die Schichten getrennt, sodass sie sich im Betrieb nicht treffen. Die Spätschicht kommt ins Gebäude erst ¼ Stunde nachdem die Frühschicht fertig ist. Bei Osram wurden aber trotzdem fünf Leute aus einer Abteilung angesteckt.
Mit Corona finden die Betriebsversammlungen online statt, was die Betriebsleitungen nicht stört … So bekommen sie keine schlechten Fragen: bei einer Videokonferenz ist es leicht, eine Frage zu beseitigen! Die Betriebsleitung nützt die Situation um die Individualisierung des Verhältnisses mit dem Arbeitgeber zu verschärfen. Siemens stützt sich auf eine „Sozialberatung“, die sich als „Blick von außen“ präsentiert, um die persönlichen Probleme zu behandeln. Es sei hilfreich zum Beispiel die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben mit der Sozialberatung zu diskutieren. Was könnte aber die Sozialberatung des Betriebs zum Beispiel zu einer Kollegin, die anfängt, in Nachtschichten zu arbeiten, sagen? Ihr Familienleben wird sowieso erschwert.
Das Problem des Lockdowns
Als Ende November in Osram ein Kollege positiv auf Corona getestet wurde, hat die Betriebsleitung alles gemacht, um den Vorfall klein zu reden. Vier andere Kolleg:innen haben sich angesteckt und wurden in Quarantäne geschickt, und die Produktion ist weitergelaufen. Erstens wäre es notwendig gewesen, gleich die Abteilung zu schließen, um gründlich alles zu putzen. Zu der Zeit wurden Bilder in den Medien veröffentlicht, mit Soldaten in Seuchenschutzanzügen, die Desinfektionsmittel versprühen. Dies dürfte allerdings auch eher der Propaganda, man tue etwas, gedient haben.
Hauptübertragungsweg ist auch nach heutigem Wissensstand die Luft. Fünf Fälle in einer Abteilung, wie es der Fall war, kann man wohl als Cluster bezeichnen. Es sollte dann die ganze Abteilung plus Nachbarbereiche getestet und bis zum Vorliegen des PCR-Testergebnisses nach Hause in betriebliche Quarantäne kommen. Man erinnere sich an die Fleischfabriken im Juni 2020: nachdem 657 von 938 Mitarbeiter:innen positiv getestet wurden, wurde die gesamte Fabrik geschlossen. Als die Betriebsleitung Osrams das Problem entdeckte, war es sowieso zu spät, um zu lüften. Die sicherste Lösung, die Abteilung zu schließen, wurde auch nicht vom Betriebsrat erwähnt.
Überall drohen die Betriebsleitungen mit Stellenabbau, sodass die Forderung einer — auch nur vorläufigen —Einstellung der Produktion nicht spontan entsteht. Bei Osram gibt es seit ein paar Monaten Anstellungen, weil die neue Fertigungslinie für Kinolampen besetzt sein soll. Das ist aber die Ausnahme, die die Regel bestätigt: überall wird gerne die Produktion nach China oder anderen „Schwellenländern“ verlagert. Trotz der positiven Auftragslage sorgen Ausgliederungen und Verschmelzungen von Abteilungen für weitere Unsicherheit.

Der „Wandel zu New Normal“
Das Motto der Bosse bleibt, lieferfähig zu bleiben, damit die Kunden weiter bei „uns“ bestellen, koste es was es wolle! Sicher haben die Kolleg:innen von den Coronazuständen die Nase voll. Im Juni 2020 erfand der Siemens-Vorstand das Konzept des „New Normal“, das später von Osram übernommen wurde (das Management des ehemaligen Unternehmenssegments von Siemens schielt offensichtlich auf den alten Mutterkonzern). Ziel des „New Normal“ ist, die Anstrengungen, die mit Corona den Mitarbeitern abverlangt wurden, für „normal“ zu erklären. Die Corona-Fälle führen zu einem Personalmangel? Dann werden zum Beispiel Leute in den Büros angefragt, ab und zu bei der Fertigung zu arbeiten, natürlich „freiwillig“! Siemens kann immer ankündigen, das Ziel sei, dass keine neue Ansteckung im Betrieb stattfindet (was sowieso nicht nachprüfbar bleiben wird). Die Leute kommen jedoch zur Arbeit, mit der nachvollziehbaren Angst, sich da anzustecken. Ist das die „Neue Normalität“?
Lorenz Wassier, Berlin
