Fast jedes Jahr aufs Neue kommt es zu bundesweiten Tarifverhandlungen der IG Metall für die
Metall- und Elektrobranche. Und jedes Mal kann
die IG Metall tausende von Arbeitenden für ihre
Verhandlungen mobilisieren – dieses Jahr sind
750.000 MetallerInnen auf den Beinen gewesen.
Das Ergebnis, welches in Bayern als Pilotab-
schluss für die 3,7 Mio Beschäftigten dieser Branche verhandelt wurde, wird von der Gewerkschaft
als „fairer Kompromiss“ bezeichnet. Jedoch
scheint er nur für die Arbeitgeberseite mehr als fair
zu sein.
„Ein guter Kompromiss für unsichere Zeiten“
Der neue Tarif sieht eine Lohnerhöhung von 5,6 %
über eine Laufzeit von 20 Monaten vor. Doch was
steckt wirklich hinter dem Ergebnis? Zum einen
gibt es eine Friedenspflicht bis 2015. Das heißt,
wenn es in diesen „unsicheren Zeiten“ der Krise zu
weiter sinkenden Verkaufszahlen und Aufträgen
kommt, müssen die Angriffe auf Löhne und Arbeitsbedingungen ohne Kampf hingenommen
werden. Aber auch die zweistufige Tariferhöhung
und die zwei Nullmonate Mai und Juni sind nicht
für alle Mitglieder so schmackhaft, wie die IG Metall es ihnen gerne machen würde. Denn die ursprüngliche Lohnforderung betrug fast das Doppelte. Und die Regulierung der Leiharbeit, die letztes Jahr wenigstens mit berücksichtigt wurde, fiel
dieses Jahr völlig untern Tisch. Kein Wunder, dass
der bayrische IG Metall-Bezirksleiter Jürgen
Wechsler „die Tarifrunde an sich nicht schwierig“
fand. Schließlich wurde die Arbeitgeberseite mehr
als übervorteilt.
100.000 Beschäftigte mehr oder weniger …
Die knapp 100.000 Beschäftigten von VW sind von
diesem Ergebnis ausgeschlossen. VW zögerte die
Verhandlungen Anfang Mai hinaus, um das Ergebnis der Tarifverhandlungen in Bayern abzuwar-
ten. Auch hier forderte die IG Metall ursprünglich
5,5 % für 12 Monate, gleichzeitig hofften sie auch
vergeblich auf „ein ordentliches Angebot“ von der
Konzernführung. Doch auch VW will so wenig wie
möglich zahlen, schließlich wäre sonst ein erneuter Rekordgewinn wie 2012 von knapp 21 Mrd.
Euro dieses Jahr nicht noch einmal möglich.
Es ist mehr nötig
Die IG Metall könnte so viel mehr – sie hat genug
organisierte und kampfbereite Mitglieder. Sie wählt
jedoch den einfachsten Weg – die Sozialpartnerschaft. In solchen unsicheren Zeiten ist der Kampf
jedoch mehr denn je gefragt – denn es werden
immer mehr Stellen gestrichen, Löhne gekürzt und
Arbeitsbedingungen verschlechtert. Deswegen
wäre es nötig, die Warnstreiks zu richtigen Kämpfen auszuweiten, um die Arbeitgeber wirklich unter
Druck zu setzen. Außerdem sollten die Kämpfe
branchenüberdeckend miteinander verknüpft werden, denn so kann z.B. die starke Metall- und Elektrobranche auch weniger gut organisierte Be-
reiche unterstützen und Verbesserungen für alle
bewirken. Es könnte so den Unternehmensleitungen erschwert werden, die Arbeitenden mit besseren Verträgen gegen die mit schlechteren Verträgen auszuspielen.
Arbeiten wie im 19. Jahrhundert
Anscheinend ist nicht nur Streiken 20. Jahrhundert, sondern auch die Arbeitsbedingungen in
Deutschland. Zum Beispiel wurde vergangene
Woche ein Tag bei Amazon in Bad Hersfeld und
Leipzig für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen gestreikt. Neben den unzähligen befristeten Verträgen gab es angeblich auch Arbeitsverträge für einen Tag (!) – wenn das nicht sogar
noch arbeiten im Sinne des 19. Jahrhundert ist.
Auch der öffentliche Dienst in Deutschland hat in
den vergangenen Wochen gestreikt. Und bis jetzt
sind immer noch angestellte LehrerInnen auf den
Straßen für eine bessere und faire Bezahlung. Ihre
griechischen KollegInnen streiken seit mehreren
Tagen gegen ein Streikverbot und weitere Kürzungen. Denn es sollen aufgrund des EU-
Spardiktats weitere 15.000 Stellen, davon 10.000
Lehrerstellen, im öffentlichen Dienst gestrichen
und Löhne weiter gesenkt werden.
Und nun?
Wir sehen, es gibt noch genug ArbeiterInnen und Angestellte die bereit sind zu kämpfen, um ihren
Forderungen wirklich Nachdruck zu verleihen. Jedoch können die Kämpfe nur an wirklicher Kraft
gewinnen, wenn sie gemeinsam auf nationaler und
internationaler Ebene geführt werden. Die Probleme sind nämlich überall dieselben: Stellenabbau,
Lohnsenkung und miese Arbeitsbedingungen.
Die
Unternehmer sind uns ein ganzes Stückchen voraus mit ihrer weltweiten Vernetzung und deswegen heißt streiken im 21. Jahrhundert mehr denn
je – zusammen kämpfen und gemeinsam gewinnen!
