
Für viele junge Linke haben die „Känguru-Chroniken“ von Marc-Uwe Kling eine besondere Bedeutung, so führten sie manche an Themen wie „Kommunismus“ und „Klassenkampf“ erstmals heran. Von beidem will der Autor in seinem neuesten Werk „Die Känguru-Rebellion“ aber genauso wenig wissen wie das Känguru von Pinguinen.
Die „Känguru-Chroniken“ haben Kultstatus. Über 5 Millionen Mal verkauften sich die Abenteuer von Marc –Uwe Kling und seinem hüpfenden Mitbewohner, die er in insgesamt vier Büchern festhielt. Sätze wie „Mein, Dein, das sind doch bürgerliche Kategorien“ oder „Ich bin Kommunist, du Anarchist wir bleiben Freunde bis zur Revolution!“ führten tausende junge Leser:innen erstmals an linke Begriffe heran. Dass Kling jedoch in den letzten Jahren immer mehr zu dem kommerziellen Künstler wurde, den er eins parodierte, zeigten spätestens die lustlosen Filmumsetzungen.
Welche Rebellion?
Die „Känguru-Rebellion“, das inzwischen fünfte Buch der Reihe, hat jetzt allerdings Großes vor: Denn Kai-Uwe und das Känguru wollen rebellieren, und zwar gegen die Zustände. Ein kämpferisches Vorhaben, sind doch die Zustände im Kapitalismus gerade alles andere als hinnehmbar. Wie diese Rebellion aber konkret aussehen soll, das weiß auch das Känguru nicht so recht. „Wir rebellieren gegen die Zustände. Muss ich noch mehr dazu sagen?“ Und so sprechen Marc-Dieter und sein Beuteltier eine bunte Masse Menschen an und versuchen, sie von der Rebellion zu überzeugen. Die Feinde sind dabei klar: Trump, Putin, die AfD, die Tech-Milliardäre und die Fossilindustrie werden konsequent mit mehr oder weniger guten Metaphern attackiert. Fatal dabei ist jedoch vor allem, dass der Kapitalismus als System hinter all diesen Widerlingen völlig außer Acht gelassen wird. Diese Akteure seien einfach böse und dumm, würden sie doch letztendlich selbst dem System schaden, für das sie eigentlich kämpfen. Inhaltlich sinkt das Känguru damit auf die satirische Schärfe der „heute-show“ herab: Trump ist irre, Putin das personifizierte Böse und KI und Social-Media machen uns dumm und klauen massenhaft die Kunstinhalte (vielleicht schwimmt bei letzterem sogar ein gewisses Eigeninteresse Kai-Uwes mit). Das erklärt auch, warum die Rebellion eine beeindruckende Querfront umfasst: Auch CDUler können dabei sein, solange sie noch die „christliche Botschaft“ vertreten. Hauptsache es geht gemeinsam gegen die teuflischen Mächte. Und auch wenn die SPD regelmäßig auf die Schippe genommen wird, bleibt als Handlungsanweisung am Ende doch nur übrig, nicht für die AfD zu wählen. Wirklich weh tut an diesen linksliberalen Moralreden jedoch, dass Begriffe wie „Netanjahu“, „Genozid“ oder „Palästina“ in keinem Kapitel zu finden sind. „Rebelliert“ wird also nur in den Grenzen von „freiheitlicher“ Grundordnung und Staatsräson, Aussagen, die politisch kontrovers sein könnten, sucht man genauso vergebens wie das Känguru seine Schnapspralinen.
Kritischer Mainstream
Die „Känguru-Rebellion“ reiht sich damit in eine immer größer werdende Zahl an Kulturprodukten ein, die systemkritisch daherkommen, aber letztendlich den Kapitalismus als System dahinter unangetastet lassen. Egal ob Serien wie „The Boys“ oder Filme wie „One battle after another“ überall sucht man vergebens die wirklichen Hintergründe dieses Systems, die Klassengesellschaft und den Kampf um ökonomische Interessen in ihr.
Natürlich riefen auch die alten Känguru-Werke nicht zum Generalstreik auf. Doch mit ihren witzigen Geschichten über die kleinen und großen Absurditäten des Kapitalismus zeigten sie, wie verrückt dieses System eigentlich ist egal ob es um die Kommerzialisierung des Klogangs ging oder die opportunistische Selbstkritik des „Bildungs“-Bürgertums bei einer Spendengala.
Statt zeitlosen Dialogen bietet die „Känguru-Rebellion“ pseudo-kritische Belehrungen, die nie wirklich Kritik üben. Und nach dem Griff zu einem der älterem Bände muss man einfach resigniert feststellen „Irgendwie waren die alten Geschichten witziger.“
Jonas Schmidt, Mannheim
