Von Tschernobyl bis Fukushima: Strahlende Aussichten

Vor 25 Jahren, am 26. April 1986 explodierte der
Block 4 im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl.
Die radioaktive Wolke, die dadurch freigesetzt
wurde, führte zur Verstrahlung von 218.000 Quadratkilometer
und kam bis weit nach Westeuropa:
der Sand der Kinderspielplätze, viele Beeren und
Gemüse galten auch tausende Kilometer entfernt
als belastet. Obwohl der Unfall in Tschernobyl nicht
der erste Atomunfall war, zeigte er deutlich, welche
Gefahren diese Technologie mit sich brachte. Die
Katastrophe von Fukushima – 25 Jahre später –
zeigt aber auch, wie wenig sich die Herrschenden
darum geschert haben.

Schon seit Beginn der Kernforschung kam es immer
wieder zu Unfällen bei denen zunächst einzelne
Menschen schon bald aber ganze Landstriche
belastet wurden. Traf es 1945 zunächst Forscher
im Atombombenzentrum Los Alamos (USA), so
kam es 1952 nach einer Explosion in einem Reaktor
in Kanada erstmals zum einem Entweichen von
radioaktiven Stoffen in die Atmosphäre. 1957 führte
eine Explosion im sowjetischen Kyschtym zu einer
Belastung von gut 20.000 Quadratkilometern und
der Umsiedlung von gut 10.000 Menschen. Nach
einer Schätzung erkrankten in Folge des Unfalls
ungefähr 1.000 Menschen an Krebs. 1979 kam es
in Harrisburg (USA) zu einer Kernschmelze, nur
durch ein Ablassen radioaktiven Dampfes in die
Luft konnte eine Explosion des Reaktors verhindert
werden. 1986 schließlich explodierte Tschernobyl…
und 2011 Fukushima. In Tschernobyl starben
in Folge des Reaktorunfalls Tausende von Menschen
an den Strahlenfolgen, in Fukushima wird es
noch Monate dauern, bis keine Radioaktivität mehr
austritt und neben Japan dann auch weite Teile der
Region verstrahlt.[

Gemein haben all diese Unfälle, dass die Herrschenden
versucht haben, die Bevölkerung nicht
zu informieren. Die Explosion in Kyschtym wurde
30 Jahre lang verheimlicht, die betroffene Bevölkerung
zu spät evakuiert. Dasselbe in Tschernobyl:
Erst nach über 24 Stunden wurde die Stadt Pripjat,
in der die Kraftwerksarbeiter mit ihren Familien
wohnten, evakuiert. Das Ausland erfuhr von der
bedrohlichen Strahlenwolke erst durch erhöhte
Messwerte in Schweden. Nun, die Sowjetunion war
eine Diktatur – aber der „demokratische“ Westen
nicht besser. In der Bundesrepublik gaben die Regierungen
zum Beispiel den staatlichen Wetterdiensten
Anweisung, die erhöhten Messwerte möglichst
lange geheim zu halten. Der damalige Bundeskanzler
Kohl wollte keine Unterstützung für die
Anti-Atom-Bewegung und den Widerstand gegen
den Bau einer Wiederaufbereitungsanlage in
Wackersdorf. Und doch war es vor allem die damals
starke Umweltbewegung, die die Regierung
dazu zwang nachzugeben. Lange bevor die Grünen
in die Regierung kamen, wurde der Forschungsreaktor
in Jülich 1988 geschlossen und die
Koalition von CDU und FDP erfand die Formel der
„Übergangstechnologie“ (heute „Brückentechnologie“)
Atomkraft. Seit 1986 steigen wir also aus der
Atomkraft „aus“…

Die Meinung der Bevölkerung wird aber nicht nur
durch Verschweigen „beeinflusst“ – wenn nötig wird
sie auch ignoriert. So produziert das AKW
Harrisburg, gegen den Willen von über 60% der Bevölkerung
seit 1985 wieder Strom… und 2009 einen
– wenn auch viel kleineren – Unfall. In der Bundesrepublik
werden mit Polizeiknüppeln und Tränengas
seit den 70er Jahren Atomkraftwerke gebaut und
radioaktiver Müll durchs Land gefahren.

Viele Menschen hatten 1998 die Hoffnung, die
Grünen in der Regierung würden einen Ausstieg
aus der lebensgefährlichen Energie bringen. Stattdessen
schlossen SPD und Grüne mit den Energiekonzernen
einen Vertrag, der einen Weiterbetrieb
für Jahrzehnte garantierte. Der Verhandlungsführer
der Stromkonzerne war ein ehemaliger Abteilungsleiter
„Reaktorsicherheit“ im Umweltministerium,
der zuständige Minister Müller ein ehemaliger
Manager des E.On-Vorgängers VEBA. Der „Atomausstieg“
von 2002 zeigt, dass auch die Grünen
wenn es darauf ankommt (und sie gerade in der
Regierung sitzen) vor den Profiten der Atomindustrie
(in Deutschland vor allem E.On, EnBW, RWE
und Kraftwerksbauern wie Siemens) kuschen.
EnBW, einer der vier großen Atomkonzerne, gehört
zu fast 50% dem neuerdings grün-rot regierten Baden-
Württemberg. Aber glaubt jemand ernstlich,
dass der neue grüne Ministerpräsident dort nun
den sofortigen Ausstieg praktiziert? Im Gegenteil,
nur durch den Druck der Straße, durch Demonstrationen
und auch Streiks wird die Regierung – egal
welcher Farbe – zum Ausstieg gezwungen. Wenn
wir ihr nicht trauen können, müssen wir das Vertrauen
in unsere gemeinsame Stärke entwickeln.

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