Annie Ernaux: Das Ereignis

In diesem kurzen Roman beschreibt die Literaturnobelpreisträgern schonungslos ihre illegale Abtreibung 1964. Genauso wie die Protagonistin selbst, werden Lesende in das Ereignis hineingeworfen. Ohne lange Vorgeschichte befinden wir uns in dem Moment, als die 23-jährige Annie ungewollt schwanger ist und „es“, wie sie selbst mehrfach schreibt „loswerden“ will. Das Davor und Danach werden irrelevant.
Die Erzählung über eine Zeitspanne von vier Monaten liest sich elendig länger als die beschriebene Dauer und zugleich kurz, sachlich kühl. Während sie existenzielle Absturzängste, Selbstzweifel, Scham und Todesangst durchlebt, sieht sie sich Ignoranz, Bloßstellung, Voyeurismus, Verachtung und Belästigung durch Andere ausgesetzt. Als erste Studentin einer Arbeiterfamilie aus Nordfrankreich scheint ihr die ungewollte Schwangerschaft damals als der logische Ruin ihrer Träume. Zugleich stimmt es einen Arzt milde, als er von ihrem Studierenden-Status erfährt: Er verschreibt ihr immerhin ein Antibiotikum. Blutvergiftung war ein reales Lebensrisiko bei illegaler Abtreibung, wie ihr kurz darauf eine Kommilitonin aus Erfahrung berichtet, die den Kontakt zur „Engelmacherin“ herstellt.

Ihre Erzählung ergänzt Ernaux immer wieder durch Kommentare über den Schreibprozess. Sie begreift die Erzählung als Aufgabe gegenüber allen Frauen und reflektiert über ihre damaligen Gedanken, die sie nun anhand ihrer Tagebücher hervorholt, sowie über die Angst vor der Niederschrift des Ereignisses.

Das Nachempfinden der Gedankenwelt einer jungen Frau, deren Boden unter den Füßen wegen einer ungewollten Schwangerschaft bricht, während die Welt um sie nichts davon wissen darf oder will, ist für jede Person zu empfehlen. Auch wenn eine Abtreibung in Westeuropa heute nicht mehr die gleiche Stigmatisierung und Kriminalisierung erfährt, ist der Umgang noch von Bildung und Geld abhängig und weltweit trifft die Erzählung so oder noch schlimmer auf große Teile der Frauen zu.

Roberta Moriam, Düsseldorf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert