
Am 11. Januar wird in Berlin wie in jedem Jahr Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts gedacht, den wichtigsten Köpfen der frisch gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands, die am 15. Januar 1919 mit Einverständnis der Führer der SPD ermordet wurden. Neben ihrer Rolle in der Revolution 1918/19 ist ihr wichtigstes Vermächtnis der Kampf gegen den Militarismus und gegen den imperialistischen Krieg. Ein Vermächtnis, das gerade jetzt wieder brennend aktuell wird!
Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg weist einige Parallelen auf zur heutigen Situation: Vor allem das Wettrüsten aller Großmächte, die auf eine Neuaufteilung von Macht- und Einflusssphären aus waren Dabei gab es auch immer wieder einzelne Krisen und Säbelrasseln, die sich bis zu lokalen Kriegen ausgeweitet haben. So insbesondere die Balkankriege 1912/13, wo die europäischen Großmächte die unterdrückten Völker des Balkans gegen das Osmanische Reich unterstützten, nur um sie in ihre eigene Abhängigkeit zu bringen. Das kommt einem mit Blick auf die heutige Ukraine irgendwie bekannt vor.
Auf jeden Fall kam der Horror des Ersten Weltkriegs, der weit über 15 Mio. Menschen das Leben kostete, nicht aus heiterem Himmel, sondern wurde vorbereitet durch jahrelanges Hochrüsten, nationalistische Propaganda und eben auch durch den Wehrdienst, mit dem die Jugendlichen gedrillt und zum Kadavergehorsam erzogen werden sollten.
Solange die Sozialdemokratie einen revolutionär-marxistischen Anspruch vertrat, war sie immer gegen die Kriegstreiberei der Herrschenden aufgetreten. Zu den Reichstagswahlen 1887 trat sie u. a. mit dem Slogan „Dem Militarismus keinen Mann und keinen Groschen“ an. Gleichzeitig waren die Sozialdemokrat:innen keine Pazifist:innen, denn ihnen war bewusst, dass es Gewalt und Kriege gibt, solange es kapitalistische Ausbeutung gibt und man auch im Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung selbst wehrhaft sein muss. Sie traten propagandistisch für ein Volksheer ein, also dafür, dass die Masse der Bevölkerung selbst über Krieg und Frieden entscheidet.
Doch immer mehr Parteifunktionär:innen fanden es bequemer, sich im Kaiserreich einzurichten und sich nur noch – am besten auf parlamentarischem Weg – für Reformen einzusetzen. Diese Reformist:innen fanden dann auch schnell, dass man doch durch die allgemeine Wehrpflicht schon fast ein „Volksheer“ habe. Rosa Luxemburgs erstes größeres Auftreten innerhalb der deutschen Sozialdemokratie war ihre Polemik gegen den Reformismus, die immer noch sehr empfehlenswerte Streitschrift „Sozialreform oder Revolution“ (1899)1. Dass die Wehrpflichtigen nicht etwa selbstbestimmt den Waffengebrauch lernen, sondern in den Kasernen im Sinne der herrschenden Klassen indoktriniert und zu deren Erfüllungsgehilfen werden, drückte sie dort so aus: „Im Wehrwesen führt die Entwicklung die Verbreitung der allgemeinen Wehrpflicht, die Verkürzung der Dienstzeit, also materiell die Annäherung an das Volksheer herbei. Aber dies in der Form von modernem Militarismus, wo die Beherrschung des Volkes durch den Militärstaat, der Klassencharakter des Staates zum grellsten Ausdruck kommt.“
Insbesondere Karl Liebknecht war schon viele Jahre vor dem Ersten Weltkrieg dafür bekannt, dass er regelmäßig spezifische antimilitaristische Kampagnen unter der Jugend anregte. An die wehrpflichtige arbeitende Jugend gerichtet schrieb er 1906: „Die Stunde der Aushebung hat geschlagen. […] Bisher wart ihr freie Männer, ihr jungen Proletarier, soweit kapitalistische Unkultur Proletarierfreiheit kennt. Die Hungerpeitscheaber ist ein Symbol der Freiheit im Vergleich mit dem Druck, mit der Sklaverei, unter die euch der blutigeiserne Militarismus zwingen wird. […] Und man wird euch glitzernde Uniformen geben, […] euch Hochmut gegenüber dem Feinde einimpfen; das soll euch über […] alle Schmach und Not der Kaserne hinwegtäuschen. […] Fürs Vaterland? […] Das ist nicht euer Vaterland; […] Das ist nur die Vertretung einer Klasse des deutschen Volkes, die euch, seitdem ihr lebt, und schon euren Vätern, seitdem sie leben, feindlich ist bis aufs Blut“.2
International im Ersten Weltkrieg
Dieser Argumentation ist Karl Liebknecht – im Gegensatz zu so vielen Führer:innen der Sozialdemokratie – treu geblieben. Sie fand ihren Höhepunkt in dem einprägsamen Satz: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“, den er in einem Flugblatt 1915 so erläutert: „Der Hauptfeind des deutschen Volkes steht in Deutschland: der deutsche Imperialismus, die deutsche Kriegspartei, die deutsche Geheimdiplomatie. Diesen Feind im eigenen Lande gilt‘s für das deutsche Volk zu bekämpfen, zu bekämpfen im politischen Kampf, zusammenwirkend mit dem Proletariat der anderen Länder, dessen Kampf gegen seine heimischen Imperialisten geht.“
Obwohl er Reichstagsabgeordneter war – dabei der erste, der die Zustimmung zu den Kriegskrediten verweigerte – schützte ihn keine Immunität davor, dass er 1916 wegen Hochverrats verurteilt und eingesperrt wurde, nachdem er auf der 1.-Mai-Kundgebung ausgerufen hatte „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!“.
Mit dem historischen Abstand von heute scheint es vielleicht fast selbstverständlich, dass man sich dem blutigen Gemetzel von 1914-1918 entgegenstellen musste. Doch das erforderte nicht nur persönlichen Mut und die Bereitschaft in den Untergrund oder ins Gefängnis zu gehen, sondern man musste auch die Propagandalügen der kriegstreibenden Mächte durchschauen und zurückweisen. Denn der Imperialismus war – gar nicht so anders als heute – gut darin, die Gräueltaten des jeweiligen Gegners auszuschlachten. In Deutschland war das leicht gegenüber dem Zarismus, der seit Jahrzehnten als besonders reaktionäres und arbeiter:innenfeindliches Regime bekannt war. Die Argumentation: Wir müssen doch verhindern, unter die Knute des Zarismus zu fallen, hat viele Sozialdemokrat:innen irregeführt. Auf der anderen Seite der Front konnte man auf die barbarische Kriegsführung der Deutschen verweisen, die schon im August 1914 im eigentlich neutralen Belgien die Stadt Dinant zerstörten und 674 Zivilist:innen ermordeten.
Was den Internationalismus der Revolutionär:innen wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aufrecht erhielt, war nicht nur moralische Empörung, sondern die klare Analyse, dass aller Propaganda zum Trotz jede der imperialistischen Armeen nicht für Gerechtigkeit oder Demokratie einstand, sondern für die Profitinteressen des Kapitals Millionen Menschen geopfert wurden.
Heute wird uns die Militarisierung auch damit verkauft: „Wir müssen uns doch gegen Putin wehren können.“ Und gerne auf angeblich demokratische „westliche Werte“ verwiesen. Doch die Bundeswehr verteidigt genauso wenig wie andere NATO-Armeen die Demokratie. Da kann man zum Beispiel in Afghanistan nachfragen. Noch offener und zynischer zeigt Trump gerade in Venezuela, dass westliche „Werte“ vor allem Erdöl bedeuten. Wir sollten uns von den internationalistischen und antimilitaristischen Grundsätzen der revolutionären Arbeiter:innenbewegung inspirieren lassen!
Richard Lux, Berlin
Fußnoten
- online unter http://marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1899/sozrefrev/index.htm ↩︎
- Alle Zitate von Liebknecht aus: Karl Liebknecht, Ausgewählte Reden, Briefe und Aufsätze, Dietz Verlag Berlin, 1952. ↩︎
