Ungleichheit, Gewalt, Frauenunterdrückung … Wie hat das alles angefangen?

Vor über 150 Jahren hat Marx seine Analyse des Kapitalismus entwickelt und die Perspektive einer klassenlosen Gesellschaft konkretisiert, in der alle Menschen frei und gleichberechtigt sind. Es ging Marx und seinem Mitstreiter Engels darum, wissenschaftlich die Fragen der Ungleichheit und der staatlichen Gewalt zu erklären, um sie zu überwinden. Auch ihnen ging es schon um die Frage des Patriarchats. Und seit damals stellen sich Aktivist:innen die Frage der Ursprünge aller Formen von Unterdrückung … um das Übel bei der Wurzel zu packen!

Das Buch „Frei & gleich“, das letztes Jahr im allgemein empfehlenswerten Mani­fest Verlag erschien, behandelt (abgesehen von den Familien­verhältnissen) dieselben Themen wie Engels Buch „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ von 1884. Der Autor Hollasky beschäftigt sich dazu mit aktuellen Forschungs­ergebnissen der Ur- und Frühgeschichte.

Zwölf kurze Kapitel behandeln jeweils einzelne prähistorische Epochen oder Kulturen von den allerersten Menschen bis zur Bildung der ersten Staaten am Übergang von Steinzeit zur Bronzezeit.

Man erfährt jeweils einiges über den aktuellen Forschungsstand, die Kapitel sind lebendig und kurzweilig geschrie­ben, offenbar mit der Absicht, dass sich die Leser:innen in die Urgesellschaften hineinfühlen können. Doch gerade das ist auch eine deutliche Schwäche des Buches. Zwar verdeutlicht Hollasky selbst immer wieder mal, dass die For­scher:innen vieles nicht wissen und auf mehr oder weniger plausible Vermu­tungen angewiesen sind. Aber die Lust am Fabulieren geht mit ihm zu oft durch und am Ende vieler Ausschmückungen, moralisierender Beschreibungen und Suggestivfragen folgen plötzlich unver­mittelt Tatsachenbehauptungen im Brustton der Überzeugung, die von der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht ge­deckt sind.

Bevor wir genauer auf den Inhalt von Hollaskys Buch eingehen, müssen wir daher kurz auf die Frage eingehen, wie viel wir über die Ur- und Frühgeschichte auf archäologischem Wege tatsächlich herausfinden können. Da die unter­suchten Kulturen (das unterscheidet sie von der Geschichte im engeren Sinn) noch keine Schrift kannten, sind wir auf die materiellen Überreste angewiesen, die die Jahrtausende überdauert haben. Das sind vor allem Gebäude(reste), Werk­zeuge und Knochen. Die verraten uns einiges über die Wirtschafts- und Lebensweise, aber gerade gesell­schaftliche Beziehungen und Geschlech­terverhältnisse sind aus ihnen nicht un­mittelbar abzulesen. So ist die Urge­schichte voller Vermutungen, sie besteht aus 20 % Funden und 80 % Interpre­tation. Wie sehr sich Forscher:innen dabei täuschen können, zeigt sich immer wieder. Zum Beispiel wurde lange Zeit (von meist männlichen Forschern) ange­nommen, alle mit Waffen bestatteten Skelette seien männlich, bis neuere DNA-Untersuchungen plötzlich gezeigt haben, dass es auch Fälle von weiblichen Skeletten gibt! Wie viel das über die steinzeitlichen Geschlechterverhältnisse aussagt, darauf kommen wir noch zurück.

Da es also in Bezug auf die Archäologie große Unsicherheiten gibt, können wir vielleicht von „zeitgenössischen“ Jägern und Sammler:innen (die Hollasky auch Wildbeuter:innen nennt) lernen, die in den letzten Jahrzehnten oder Jahrhun­derten beobachtet wurden. Das ist das weite Feld der Ethnologie. So hat Engels einen großen Teil seines Buches auf zeit­genössischen Beobachtungen der nord­amerikanischen Irokes:innen aufgebaut und mittlerweile gibt es eine Menge auf­schlussreicher Daten über Wild­beuter:innen von allen Kontinenten.

Doch Hollasky scheint das abzulehnen, selbst wenn er es an manchen Stellen dann doch tut, aber nur, wenn es zur ge­wünschten Interpretation passt: „In seinem Lehrbuch über ‚Prähistorische Archäologie‘, warnt Manfred Eggert ein­dringlich davor, ‚zeitgenössische Jäger/Fischer und Sammler‘ mit ‚Jägern des Paläolithikums’ oder des Mesolithikums gleichzusetzen“ (Hollasky, S. 52/53). Dabei spricht sich Manfred Eggert sogar sehr deutlich für das Heranziehen eth­nologischer Analogien aus: Wenn man dies ablehne, führe das „letztlich in eine Selbsttäuschung, einen ‚nur-archäo-logischen Positivismus‘“, wie Eggert einem anderen Kollegen zu­stimmt.

Vor allem für uns Marxist:innen, die wir materialistisch an die Geschichte heran­gehen und davon überzeugt sind, dass die wirtschaftlich-materielle Grundlage einen entscheidenden Einfluss auf unser gesellschaftliches Zusammenleben hat, sollte es selbstverständlich sein, Jäger und Sammler:innen, die auf einer ganz ähnlichen technischen Grundlage wirt­schaften, mit den steinzeitlichen Wild­beuter:innen zu vergleichen. Natürlich darf man sie nicht „gleichsetzen“ und vor allem nicht denken, dass einer gege­benen materiell-technischen Kulturstufe immer dieselben gesellschaftlichen Ver­hältnisse entsprechen. Dafür gibt es allein schon in der Ethnologie genug Bei­spiele, die eine recht große Verschie­denheit der sozialen Beziehungen auf­zeigen. So dass auch viele der Darle­gungen von Engels aus heutiger Sicht deutlich zu schematisch sind, was dem Kenntnisstand seiner Zeit geschuldet ist. Auch ethnologische Beobachtungen können verfälscht sein, sei es weil der:die Beobachter:in selbst vorbelastet ist, sei es weil die jeweilige Kultur schon im Austausch mit industrialisierteren Gesellschaften steht. Aber im Vergleich zur Archäologie lassen sich solche Inter­pretationsfehler viel besser abschätzen.

Doch was können wir heutzutage trotz­dem über die Urgeschichte erfahren?

Hat schon mal Gleichheit unter den Menschen existiert?

Hollasky kann mit vielen neuen Beispielen aufwarten. Laut den aktu­ellen Ergebnissen der Wissenschaft, hat sich die Menschheit vor ca. 8 Millionen Jahren von den Primaten (Schimpansen) geschieden. Diese ausgedehnte Ge­schichte hat mehrere Vormenschen und Menschenarten gekannt – von denen Neandertaler und Homo Sapiens in den letzten 300.000 Jahren nur die letzten Vertreter bilden. Diese Menschen lebten die allermeiste Zeit ausschließlich von dem, was die Natur ihnen bot: als noma­dische Jäger und Sammler:innen. Millio­nen Jahre lang basiert die „Wirtschaft“ dieser Menschheit auf Kooperation und kannte keine Teilung zwischen Reichen und Armen. Somit haben diese Men­schen Gesellschaften erschaffen und ihre Bedürfnisse erfüllt, ohne dass ein Teil der Gesellschaft auf Kosten des anderen lebte. Die vielen Hundert­tausend Jahre der Altsteinzeit, bis zum Beginn der Jungsteinzeit (Neolithikum) vor ca. 10.000 Jahren, haben die Men­schen in kleinen Gemeinschaften gelebt. Solange die Lagerhaltung unbekannt war und daher praktisch keine „Reichtümer“ akkumuliert werden konnten, gab es Ungleichheit aller­höchstens vorläufig und ausnahms­weise. Und auch nachdem die Menschen nicht mehr nur von Jagd und Sammeln gelebt haben und sesshaft geworden sind, bleiben noch Gesellschaften, in denen es keine ausgeprägten Klassen­unterschiede gab. Hollasky beschreibt die Siedlung von Çatal Höyük, die in der heutigen Türkei lag, wo um 7000 v. u. Z. mehrere Tausend Menschen zusammen gelebt haben. Sie haben Landwirtschaft entwickelt und Tiere gezüchtet. Die meisten Archäolog:innen, die diese Aus­grabungsstätte seit Jahren studiert haben, konnten bis jetzt keine Spuren von Ungleichheit finden. Die schemati­sche Vorstellung, die Entstehung der Klassen sei automatisch mit dem Acker­bau und der Viehzucht (der sogenannten „neolithischen Revolution“) entstanden, ist also zu einfach.

Gleichzeitig ist hier auch ein bisschen größere Vorsicht angebracht. Eine klare Klassenspaltung der Gesellschaft, wo sich ein der Großteil der Menschen für eine Minderheit abschuftet, kann man fast immer an den unterschiedlichen Knochenabnutzungen nachweisen! Doch die Ethnologie zeigt uns, dass es durchaus viele Übergänge gibt, von sess­haften Gesellschaften, wo noch alle Mit­glieder arbeiten (müssen), aber es trotz­dem schon Reichtumsunterschiede gibt, die sich nicht unbedingt in archäolo­gischen Funden ausdrücken müssen. Die Abwesenheit deutlicher Zeichen von Ungleichheit verleitet Hollasky hinge­gen dazu, all diese Gesellschaften als „egalitär“ zu bezeichnen, die es vielleicht nicht immer waren.

Ist der Mensch schon immer gewalttätig gewesen?

Hollasky warnt oft zu Recht davor, die Vorgeschichte ausgehend von heutigen Vorstellungen zu interpretieren. Bei der Beschreibung der Urmenschen ging es immer schon auch um uns! Um die ak­tuelle Gesellschaftsordnung zu recht­fertigen, wurde Wissenschaft oft ein­seitig ausgelegt. Hollasky nimmt eine Gegenposition ein, nach der der Blick in unsere Vergangenheit nun „deutlich heller und freundlicher“ ausfällt. Doch auch hier behauptet er unvorsichtig, dass die Urgeschichte lange Zeit keine bewaffneten Konflikte gekannt habe, nur weil wenig Spuren von Gewalt bis heute überdauert haben. Selbstverständlich haben die Klassengesellschaft und die Eroberungsgelüste der Herrschenden in späterer Zeit Kriege auf ein ganz anderes Niveau gebracht, aber auch hier gibt es Beispiele aus der Ethnologie für „Kriege“ in sonst egalitären Gesellschaften.

Waren Frauen und Männer schon mal gleich?

Die Broschüre, die wir als RSO nun ver­öffentlichen, ist eine Zusammenfassung des Buches „Der Urkommunismus ist nicht mehr, was er einmal war“ („Le com­munisme primitif n‘est plus ce qu‘il était“), die vom Autor Christophe Darm­angeat selbst besorgt wurde. Er ist ein marxistischer Forscher im Bereich der sozialen Anthropologie und beschäftigt sich hauptsächlich mit ethnologischen Daten.

Gerade die Geschlechterverhältnisse haben in der Steinzeit wenig Spuren hin­terlassen. Man kann feststellen, wie ein uralter Faustkeil behauen wurde – es ist aber unmöglich zu wissen, ob eine Frau oder ein Mann ihn bearbeitet hat.

Hollasky erzählt die schöne Geschichte, dass im egalitären „Urkommunismus“ auch Geschlechtergleichheit herrschte. Er beruft sich auf eine Studie von Randall Haas von 2020, der 27 steinzeit­liche Skelette mit Jagdwaffen als Grab­beigaben aufzählt, von denen elf ve­rmutlich weiblich waren. Eine durchaus interessante Entdeckung, ebenso wie das Skelett einer Wikingerin, die mit Jagdwaffen bestattet im schwedischen Birka gefunden wurde. Doch daraus auf eine Gleichheit der Geschlechter zu schließen ist sehr verkürzt. Zum einen sind die Geschlechtsbestimmungen nicht so hundertprozentig sicher, wie Hollasky es angibt, zum anderen muss die Tote nicht selbst mit den Waffen gejagt haben …

Aus der sorgfältigen Analyse der vielen zeitgenössischen Wildbeuter:innen, die Darmangeat leistet, ergibt sich, dass es auch in wirtschaftlich egalitären Gesell­schaften oft Frauenunterdrückung gibt. Überall gibt es eine klare Aufgaben­teilung zwischen den Geschlechtern und mit wenigen Ausnahmen ist die Groß­wildjagd eine strikte Männerdomäne.

Darmangeat behauptet nicht, dass es in der Vorgeschichte keine Gleichbe­rechtigung von Männern und Frauen habe geben können, aber angesichts der vielen Beispiele, die er studiert hat, sind solche Gesellschaften sehr unwahr­scheinlich gewesen.

Dass die Frauenunterdrückung also wahrscheinlich tief in der Vorgeschichte der Menschheit verborgen ist, bedeutet aber nicht, dass sie nicht längst überholt ist. Darmangeat ist der Meinung, dass der Kapitalismus zum ersten Mal eine Situation in der Geschichte geschaffen hat, wo wirkliche Gleichheit aller Ge­schlechter denkbar wird. Während bei Jägern und Sammler:innen die Tren­nung der Geschlechter überdeutlich ist, bringt der Kapitalismus die Arbei­ter:innen zusammen. Beim Wert des Endprodukts auf dem Markt ist irrele­vant, wer es hergestellt hat.

Und trotzdem lebt das Patriarchat weiter!? Ja, weil der Kapitalismus ein In­teresse daran hat, alle Vorurteile und Spaltungen unter den Arbeitenden zu schüren. Der Kapitalismus ist grund­sätzlich konservativ und heute das größte Hindernis beim Kampf gegen das Patriarchat.

Darmangeat fasst zusammen: „Der Kampf gegen die männliche Vor­herrschaft und der Kampf gegen die Aus­beutung des Menschen durch den Men­schen widersprechen sich nicht nur nicht, sondern keiner der beiden darf den anderen außer Acht lassen, ohne zum Scheitern verurteilt zu sein.“

Die Broschüre ist ge­druckt für 2 € er­hältlich oder online:

Von Lorenz Wassier und Richard Lux (Berlin)

Referenzen:

1 Manfred K. H. Eggert: Prähistorische Archäologie. Konzepte und Methoden, Tübingen/Basel 32008, S. 346.

2 R. Haas: Female hunters of the early Americas, Sciences Advances, 2020, vol. 6, n°45

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