Buchvorstellung: Andreas Malm – Das fossile Kapital (2016)

Unter den zehn umsatzstärksten Konzernen weltweit sind neben zwei Automobilkonzernen sechs Ölkonzerne. Das globale Kapital ist also zu sehr großen Teilen fossiles Kapital, das heißt seine Profite werden entweder in der Erzeugung oder im Verbrauch fossiler Brennstoffe wie Erdöl, Kohle oder Erdgas gewonnen. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass das Zeitalter des Kapitalismus auch das Zeitalter der fossilen Energie ist?

Das 2016 erschienene Buch Fossil Capital des schwedischen Humanökologen Andreas Malm gibt gute Antworten auf diese Frage. Malm leistet einen wichtigen Beitrag dazu, die historischen Ursachen des Zusammenhangs zwischen fossiler Energie und Kapital zu verstehen. Die Stärke seines Ansatzes liegt darin, dass er aufgezeigt hat, wie die neue Technologie der Dampfmaschine nicht auf dem „neutralem Boden“ der Wissenschaft und des „Fortschritts“ zum Einsatz kam, sondern auf dem Boden des Klassenkampfs. Die immense Erhöhung der Produktivität ist nicht Ausdruck eines Zeitalters der Vernunft, getragen von der Bourgeoisie, gestützt auf die Wissenschaft. Vielmehr ist sie Ausdruck sozialer Konflikte, die die Bourgeoisie in die Enge getrieben haben.

Ein großer Teil des Buchs ist eine Untersuchung der Rolle, die fossile Energie im Klassenkampf im England des 19. Jahrhunderts gespielt hat. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich dort die Steinkohle gegenüber der Wasserkraft als zentraler Energieträger durchgesetzt.

Kohle gegen Wasser

Von ihren Eigenschaften her eignete sich die Steinkohle ideal für die Kapitalisten*. Im Gegensatz zum Wasser liegt die Kohle unter der Erde und bewegt sich nicht. Sie kann unabhängig von Wetterschwankungen eingesetzt werden und auf eine Mine kann wesentlich einfacher Besitzanspruch erhoben werden als auf Wasser, das im 19. Jahrhundert in England noch als Gemeineigentum galt. Ist die Kohle erst einmal abgebaut, kann sie hervorragend transportiert werden und sich in den Händen von Fabriksbesitzern konzentrieren.

Das erklärt aber nicht, warum sich die Kohle als Energieträger durchsetzte. Schließlich gab es kein Genie, das alle Kapitalisten von dieser stechenden Logik überzeugte. Genau wie nicht allein großer Erfindergeist dazu führte, dass die Baumwollindustrie Dampfmaschinen statt wie zunächst Wasserkraft einsetzte. Vielmehr erwiesen sich all diese Vorteile der Kohle als Kampfinstrument in den Händen des Kapitals gegen die Arbeitenden.

Kohle und Arbeitszeit

Die Kohle spielte im Übergang von kleinteiligen und dezentral produzierenden Textilfabriken zu großen und hoch profitablen Textilfabriken, die um Großstädte angesiedelt waren, eine fundamentale Rolle. In größeren Städten wurde schon seit dem 16. Jahrhundert Kohle weitreichend genutzt: zum Heizen, Kochen und Schmieden. Sie konnte im 19. Jahrhundert auch für die Produktion eingesetzt werden.

Aber auch die Zeit spielte eine wichtige Rolle für die enorme Expansion der Textilfabriken. Ständig klagten Kapitalisten, dass die ArbeiterInnen zu störrisch, faul oder langsam waren. Durch die Kohle gab es im Gegensatz zu wetterabhängigen Energiequellen einen konstanten Energiefluss – die Dampfmaschinen konnten nicht durch zu viel oder wenig Regen ins Stocken gebracht werden. Die Unabhängigkeit von der Wasserenergie half den Fabrikbesitzern, die Arbeitszeit möglichst weit auszudehnen. Dampfmaschinen konnten bei jedem Wetter und rund um die Uhr laufen.

So wurde das Thema Arbeitszeit zu einem wichtigen Kampffeld der ArbeiterInnenklasse. Durch massive Streikbewegungen wurde in Britannien bis 1848 der 10-Stunden-Tag erstritten. Durch neue technische Möglichkeiten gelang es dem Kapital jedoch, die Arbeitszeit zu verdichten, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu produzieren. Aus den ersten Dampfmaschinen wurden Hochdruckdampfmaschinen. Die Nachteile, die diese für die ArbeiterInnen mit sich brachten, waren gewaltig: Häufig explodierten die Boiler und die Kapitalisten setzten bewusst das Leben der ArbeiterInnen aufs Spiel, um ihre Profite zu erhöhen. Mit neuen Maschinen konnten auch Löhne gedrückt werden, ganze Schichten von ArbeiterInnen deklassiert und durch billige, ungelernte ersetzt werden. In diesen Kämpfen zwischen

Kapital und Arbeit ging es um Fragen der Arbeitszeit, der Löhne und der Kontrolle im Produktionsprozess. Aber auch die ökologische Dimension spielte immer wieder eine Rolle.

ArbeiterInnen und Ökologie

Heute wird behauptet, dass ArbeiterInnen „egoistisch“ an ihren Arbeitsplätzen hängen würden, ihre Arbeit etwa in der Autoindustrie aber eine unökologische sei und sie deswegen einer nachhaltigen Gesellschaft im Weg stehen würde. Aber bereits im 19. Jahrhundert bildete sich in der ArbeiterInnenbewegung eine Tradition, die eine andere Geschichte erzählt. Es war die Luft der ArbeiterInnen, die in Städten verschmutzt wurde und es war auch ihre Gesundheit, die auf dem Spiel stand. All das passierte im Interesse des Kapitals. Die ArbeiterInnen wollten ihren eigenen Zugang zur Natur, die nicht durch die Diktatur einiger Kapitalisten verseucht wird. Wie man dahin kam, war im 19. Jahrhundert allerdings unklar. 1842 gab es in England den ersten Generalstreik. Berg-arbeiterInnen, SpinnerInnen und WeberInnen kämpften gemeinsam. Die ArbeiterInnen marschierten und holten immer mehr ArbeiterInnen aus Fabriken, die noch am Laufen waren, bis das ganze Land stillstand.

Der Kampf der ArbeiterInnen in den Fabriken richtete sich zunächst direkt gegen die Maschinen, die zum Stillstand gebracht und oft sogar zerstört wurden. Die ArbeiterInnen wollten aber nicht zurück in eine Zeit ohne Maschinen, sondern kämpften so für das allgemeine Wahlrecht, eine Arbeitszeitverkürzung und höhere Löhne. Zugleich zeigte sich aber auch der Keim eines ökologischen Bewusstseins.

In den Zeitungen der ArbeiterInnen wurde dargelegt, dass die Kohle und die Maschinen die Basis waren, auf die sich die herrschende Klasse stützte. In den Gedichten und Liedern der Arbeitenden ging es um die Zerstörung der Umwelt, die sich am deutlichsten im schwarzen Rauch zeigte, der um die Industriestädte aufstieg. Die ArbeiterInnen erkannten die Bedrohung, die die Unterwerfung der Natur im Interesse des Kapitals bedeutete. Nicht zuletzt, weil sie diese am eigenen Leib spürten.

Es ist wichtig, sich diese Tradition der ArbeiterInnenbewegung heute wieder ins Gedächtnis zu rufen. Wir wollen in einer Welt leben, in der ein gutes Leben für Alle möglich ist. Die Kontrolle darüber, was mit der Natur passiert und wie ArbeiterInnen zu leben haben, muss dem Kapital entrissen werden. Um diesen politischen Willen durchzusetzen, wird es auch heute notwendig sein, die KapitalistInnen an ihrer umweltzerstörerischen und höchst profitablen fossilen Grundlage zu treffen: In der Automobil- und Ölindustrie. Es wird heute wie schon beim ersten Generalstreik zentral sein, dass Arbeitende verschiedenster Bereiche diesen Kampf gemeinsam führen.

Vieles hat sich seit dem 19. Jahrhundert geändert. Der Kapitalismus umfasst mittlerweile den gesamten Globus, das Erdöl hat die aber noch immer wichtige Kohle als meistgebrauchten Energieträger abgesetzt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich im globalen Norden das Auto als individuelles Massenverkehrsmittel durchgesetzt. Heute ist angesichts der drohenden Klimakatastrophe viel von Elektroautos die Rede. Die globale ArbeiterInnenklasse , auch wenn sie in vielem anders aussieht als 1850, ist mittlerweile größer denn je.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts blieb aber das fossile Standbeil des Kapitalismus beständig. Trotz der Großdemonstrationen der Klimabewegung im letzen Jahr erwartet die OPEC bis 2040 weiter einen Anstieg im Verbrauch von Kohle, Erdöl und Erdgas. Es ist dieses Standbein, das die ArbeiterInnenklasse heute dem Kapital entreißen muss. Auch wenn Andreas Malm die Frage der Rolle der ArbeiterInnenklasse im Kampf um die Klimakatastrophe nur vage streift, liefert seine Analyse der Kreativität, die die ArbeiterInnenklasse im Kampf gegen das Kapital und für ein gutes Leben zeigt, viele auch für die vor uns stehenden Kämpfe inspirierende und erhellende Beispiele und Ideen.

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