Revolutionär Sozialistische Organisation

Dossier: Frankreich - Das Leben in gelb

Sonntag 9. Dezember 2018

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Dossier: Frankreich - Die Bewegung der "Gelben Westen"
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Aus dem Französischen "convergences révolutionnaires":


Von Nantes bis Auxerre, von Caen bis Bordeaux, von Toulouse bis Lyon, von Puy-en-Velay bis Lannion, von Saint-Malo bis Straßburg..... Das Leben in Gelb

Ist das das Erwachen der Arbeiterklasse? Auf seiner eigenen Klassenbasis? Wir werden es in den nächsten Tagen wissen. Auf jeden Fall steht die populäre und manchmal geradezu proletarische Natur der Bewegung der gelben Westen, die Tiefe der Wut, die sie zum Ausdruck bringt, außer Zweifel.

"Die Kreisverkehre sind unser Hauptquartier."

Ein Zelt oder eine Laube, Wände aus mit Planen bedeckten Holzpaletten - mit Strom und Licht, die von den Einfallsreichsten an der nächsten Straßenbeleuchtung angeschlossen werden - sind in der Nacht bei der Zufahrt zum Kreisverkehr aus dem Boden gewachsen, wo man jeden Tag zur Arbeit vorbei kommt. Zweifellos haben die gelben Westen ihr Zuhause gewählt. "Du musst das als 3×8 Schichtdienst machen", sagte ein Demonstrant am 17. November in Nantes: 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Pause, 8 Stunden Mobilisierung.

Es ist anzunehmen, dass es in ganz Frankreich gehört wurde, denn seitdem wechseln wir uns so gut wir können für die Blockaden ab. Die meisten der Anwesenden arbeiten tagsüber - oder nachts. Viele Arbeitslose haben es als eine neue Tätigkeit empfunden, die nicht bezahlt, sondern viel lohnender ist. "Ich habe hier in 15 Tagen mehr gelernt als in meiner gesamten Schulzeit", sagt einer von ihnen.

Um die Kreisverkehre herum haben immer mehr Autos eine gelbe Weste hinter der Windschutzscheibe. Es ist wahr, dass bei einigen Blockaden, besonders zu später Stunde, der Autofahrer, besonders wenn er eine schöne Limousine fährt, einen groben Empfang erleben kann. Aber an den Kreisverkehren, die durchhalten, haben wir uns konsequent organisiert. Einzelne werden nicht mehr blockiert, man ist sich bewusst, dass die Bewegung die Sympathie aufrecht erhalten muss, die sie bei den unteren 80% der Bevölkerung gewonnen hat. Alkohol ist verboten, wie in Yonne. Und im Großen und Ganzen ist es eine wahre Solidarität, die zum Ausdruck kommt, durch Hupzeichen oder Gebäcklieferungen kommt das zum Ausdruck. In Caen organisierten gelbe Westen sogar die Verteilung von überschüssiger Lebensmittel der Tafeln. Und dann gibt es noch die LkW-Fahrer, die sich blockieren lassen, die Rohre zum Blockieren der großen Supermärkte bringen, Holz auf Anhängern… oder sie nehmen an den Demos teil.

Wieder in Caen treffen zwei gelbe Westen auf dem Weg zum Ausgangspunkt der Demo am 1. Dezember auf andere, die in die entgegengesetzte Richtung ziehen: Dies ist das erste Mal in ihrem Leben, dass diese Familie den Theaterplatz besucht. Die Demonstration beginnt pünktlich. Ein Gewerkschafter, der sich für die Gelben Westen einsetzt, kommentiert: "Sie glauben wirklich, dass sie gewinnen können, wir beschäftigen uns eine halbe Stunde lang, weil wir nicht mehr wirklich daran glauben". "Es gibt nicht viele von uns", beschwert sich ein Demonstrant. Es ist offensichtlich, dass er es nicht gewohnt ist lange durch die Straßen zu demonstrieren, denn wir sind mehr als bei den meisten Demos des Jahres, außer einer Protestkundgebung während des Eisenbahnerstreiks im vergangenen Frühjahr. Andere haben kein gutes Augenmaß. "Am 17. November waren es nicht 300.000 Menschen im ganzen Land, es waren mindestens 1,8 oder 2 Millionen", ist einer von ihnen überzeugt. Wir unterhalten uns ein wenig. Er irrt sich viel, betont aber ein reales Element: Die Blockaden haben sich an diesem Wochenende vervielfacht, weit über das hinaus, was die Polizei-Präfekturen bekannt geben. Dutzende, ja sogar Hunderte von Menschen folgten einander.

Wut und Entschlossenheit

Die Tiefe der Bewegung ist besser an der Ablehnung Macrons und seiner Minister zu ermessen als durch Zählungen. Jedes Mal, wenn die Minister sprachen, bestärkten sie die gelben Westen. In der Hitparade der Demonstrationen wird die Marseillaise - die einige noch für das halten, was sie 1792 war, nämlich ein revolutionäres Lied - gerade von den Parolen überholt, wie "Macron, tritt zurück!“ („Macron, démission!“ - im Französischen reimt es sich). "Wenn nicht, gibt’s die Revolution!" („Sinon la révolution“!), fügten am 1. Dezember einige in Lyon hinzu. Viele gelbe Westen hatten zumindest zu Beginn der Bewegung ein positives Bild von den Bullen. Und viele von ihnen waren offener sympathisierend mit der Bewegung, da er nicht als links erschien. Aber die Art und Weise, wie die Regierung seine Leute einsetzt, verändert die Situation. Überall verfolgten wir die Pariser Demonstrationen, manchmal live in einem Kreisverkehr oder in einem Demonstrationszug, mit dem Gefühl, dass die Regierung die Zusammenstöße provozierte: "Bei Macrons Verachtung musste es dazu kommen, es ist alles seine Schuld", sagten die aus Malouins am 25. November. In der folgenden Woche waren überall in den sozialen Netzwerken Bilder zu sehen, wie ein Bulle seine gelbe Weste auszog, nachdem er sich wieder in die mobilen Einheiten der Sicherheitskräfte eingereiht hat.

In vielen Städten erhellt der Kontakt mit dem Tränengas das Bewusstsein ebenso wie es die Augen erblinden lässt. In Bordeaux hörte eine NPA-Aktivistin Rentnerinnen nach der Tränengas-Demo am 1. Dezember sagen: "Als uns im Fernsehen von den Randalierern berichtet wurde, glaubten wir das, aber tatsächlich, wir stellen fest, die Randalierer, das sind wir Großmütter“. Gleichzeitig kam es in Puy-en-Velay (Haute-Loire), Tours (Indre) oder Avignon (Vaucluse) zu echten Unruhen, einfach weil sich die Demonstranten weigerten, der Repression nachzugeben. Warum? In Caen erklärte es eine arme Rentnerin, die zum ersten Mal in ihrem Leben unter Tränengas gelitten hat, auf ihre eigene Art und Weise: "Ich weine lieber wegen des Gases als wegen meiner Schulden". Es ist schon eine Ewigkeit her, dass der Preis für Dieselkraftstoff die Gemüter der Menschenmengen nicht so erhitzt. Wir bemerkten nicht einmal, dass er gefallen war. Die gelben Westen haben noch andere Sorgen im Kopf: "Leben, nicht überleben!“.

"Ich habe die Nase voll von den Politikern!"

Überall wollten die gelben Westen zunächst Recht und Ordnung respektieren. Mit den fremdenfeindlichen Vorurteilen, die damit einhergehen. So weit, dass einige am 20. November in Flixecourt/ an der Somme so weit gingen, mit den Polizisten zusammenzuarbeiten und Migranten, die sich in einem Lastwagen versteckt hatten, an die Bullen übergaben. Ein Verhalten, das zu Recht viele Menschen angewidert hat. Aber paradoxerweise ist die Bewegung durch eine sehr starke Ablehnung aller Formen von Autorität, einschließlich die der Polizei, gekennzeichnet, sobald sie gegen die gelben Westen vorgeht. Dasselbe gilt für die "natürlichen" Ansprüche der politischen und gewerkschaftlichen Apparate, die für sich beanspruchen die Kämpfe der Arbeiter zu lenken. Die Aktivisten, die kommen, um sich und ihre Fähigkeiten einzubringen, sind willkommen. Aber wenn sie versuchen, die Apparate zu loben oder für ihre Organisationen werben, dann werden sie ausgebuht, das ist sicher. Andererseits werden alle organisatorischen Initiativen von Basisorganisationen gut angenommen.

Dieses Misstrauen gilt für alle, die glauben, dass die Zeit gekommen ist, dass sie die Führung der Bewegung übernehmen sollten. Dies gilt nicht nur für die acht selbsternannten zeitweiligen nationalen Sprecher, sondern auch für viele Führungskräfte vor Ort, die oft ihre Fähigkeiten als "Kleinunternehmer" und ihre Talente als "Verhandlungsführer" anführen. "Bevor wir nach oben gehen, um zu diskutieren", erklärte ein Gelbe Weste-Aktivist von Caen kurz vor der Demonstration am 1. Dezember, "müssen wir uns zuerst unter uns besprechen, von Angesicht zu Angesicht. Soziale Netzwerke sind gut für die Organisation von Aktionen, aber wir müssen uns einigen, bevor wir zur Regierung gehen." Der Aufbau der Bewegung verliert an Geschwindigkeit? Vielleicht, aber es ist teuflisch effektiv, um eine feindliche Übernahme der Wut der Bevölkerung durch einen dahergelaufenen Abenteurer zu verhindern.

In Lannion wurde die rechtsextreme Motorradgruppe, die anfangs die Kontrolle über den Kreisverkehr übernommen hatte, Ende November von den Arbeitern – oder besser gesagt von den Arbeiterinnen, die in Lannion in der Mehrheit sind - mit diesen Worten vertrieben: "Wir kämpfen gegen die Macron-Diktatur, nicht um uns hier den Führern zu unterwerfen." In Caen sagten die Automobilarbeiter bei einer Abstimmung auf der offenen Vollversammlung am 1. Dezember: "Aber abstimmen über was? Wir haben nichts gehört. Abstimmen ohne zu wissen, worüber, so landet man bei Präsident Macron." An einer Straßenabsperrung ging ein anderer noch weiter: "Tatsächlich beginnt es in der Schule. Man lernt zu schweigen und die Autorität zu respektieren. Das ist es, was geändert werden muss.“ Während wir diese Zeilen schreiben, ist noch nichts gewonnen. Es ist noch ein langer Weg, bis das, was wir vor Augen haben und anstreben stark genug ist, um die Kapitalisten zu zwingen, wenigstens einen kleinen Schritt zurück zu machen. Insbesondere bleibt noch viel zu tun, um zwischen den Minderheiten, die sich voll und ganz in den Aktionen, Demonstrationen, Blockaden einbringen, und der Mehrheit, die diese mit Sympathie nur betrachtet, eine Verbindung zu schaffen.... Die entschlossensten der Gelben Westen wiederholen: "Streik wäre gut, aber er ist unmöglich." Wir werden sehen, ob die Dynamik des Kampfes diese Prognose widerlegt... ein bisschen wie die Behauptung von Gewerkschaftern und linken Aktivisten, für die die Mobilisierung der Gelben Westen nichts als reaktionär wäre. Inzwischen hat die Regierung nicht mehr nur einen Stein im Schuh, sondern einen Klotz am Bein, der sie schnell zum Stolpern bringen könnte.

2. Dezember 2018


Eine Vollversammlung in Lille

Am Vorabend des 1. Dezembers gab es eine neue Vollversammlung der Gelbwesten. Mindestens 200 Leute waren in einem Saal vorhanden, der von der Stadtgemeinde zur Verfügung gestellt wurde. Es wurde über die Bewegung diskutiert, ihre Perspektiven : Warum wird mobilisiert und wie organisiert man sich konkret. Die Zusammensetzung der an der Versammlung Teilnehmenden besteht nach wie vor mehrheitlich aus Menschen aus den arbeitenden Klassen. Rentner, ein Arbeiter aus der Glasindustrie, eine Sozialarbeiterin, eine Arbeitslose haben (unter anderen) das Wort ergriffen…

Als Einleitung haben sich die « Veranstalter », also die Gruppe der acht bei der letzten Versammlung Gewählten, einer nach derm anderen, vorgestellt. Ein Eisenbahner stellt sich als « Bahnarbeiter » vor, der vor dem Sommer gestreikt hat. Man hört ihm freundlich zu. Er erklärt, warum er und andere Arbeitskollegen an der Gelbwestenbewegung teilnehmen und spricht von dem, was sie in ihrem Arbeitsbereich zu tun versuchten, die Bildung eines Demonstrationszuges auf den Champs-Elysées, die Vorbereitung des nächsten Tages, usw.

Einer erinnert daran, dass eine der Gelbwesten, die am Nachmittag vom ersten Minister Edouard Philippe empfangen wurden, schon nach zwanzig Minuten weggegangen war, denn er verlangte, dass man die Unterhaltung filmt, während er von dem Generalstreik von 2009 über die Löhne auf Guadeloupe spricht : Dieser Generalstreik hatte so wie jetzt hier angefangen. Vor allem gefällt es den Zuhörern besonders gut, wenn der Eisenbahner von der Kontrolle an der Basis, der « Selbstorganisation » spricht.

Dann melden sich mehrere Male Gewerkschaftler oder Ex-Gewerkschaftler zu Wort und sie sprechen von interessanten Dingen. Vor allem ein Arbeiter, der in einer Glasfabrik beschäftigt ist, sagt, das Problem sei die Unternehmerorganisation Medef. Ein anderer erklärt, man müsse die Zugänge zu den Supermärkten blockieren, um Mulliez, den Boss der Supermarktkette Auchan) anzugreifen. Die Diskussionen drehen sich um die Gewerkschaften und Parteien : Die Haltung ist manchmal sehr « feindlich » ; (wegen dieser feindlichen Haltung haben zwei Krankenhaus-Aktivisten der CGT den Raum verlassen).Es gab aber auch echte Diskussionen über den Unterschied zwischen den Gewerkschaftsführungen und den Aktivisten an der Basis.

Auf dieser Hauptversammlung war die Stimmung deutlich mehr von Vertretern der arbeitenden Schichten geprägt als auf der vorherigen Versammlung. Übrigens : Diejenigen, von den man wuBte, dass sie FN-Anhänger sind, haben ganz und gar geschwiegen. Natürlich ist alles sehr kompliziert und für die linksextremen Aktivisten ist es so, als würden sie auf Eiern laufen. Aber die Leute verhalten sich nicht feindlich gegenüber den gewerkschaftlichen oder politischen Aktivisten, unter der Bedingung, dass sie ihre gewerkschaftliche oder politische Zugehörigkeit ganz verschweigen und als « Staatsbürger » sprechen. Aber wer als Arbeiter und Arbeiterin das Wort ergreift, hat kein Problem.

Alles in allem war diese Hauptversammlung eher erfolgreich, auch für die Teilnehmer, auch wenn einige unter ihnen sagten, man habe zuviel von den Gewerkschaften, den Parteien, usw. gesprochen. Am Ende der Hauptversammlung wurde mit einem Arbeiter aus einem Transportunternehmen, einer Krankenpflegerin, einer arbeitslosen Sekretärin, einem nach einer Arbeit suchenden Angestellten aus der Optikbranche, einem VTC (Fahrzeugführer für Touristen), einem Studenten und einer Angestellten aus dem Medizinbereich diskutiert. Alle haben sich für die Diskussion interessiert und sie wollen sich organisieren, wobei jeder « die eigenen Fähigkeiten » mitbringt. Der Streik wird nicht als ein Mittel betrachtet, das man benutzen kann. Die Krankenpflegerin spricht von den Stellenstreichungen, von den Misshandlungen in Krankenhäusern. Eine andere Person hätte sich gern zu Wort gemeldet, um von den fremdenfeindlichen Äußerungen zu sprechen, mit denen sie auf den Facebook-Seiten der Gelbwesten konfrontiert wurde… Diskussion über folgende Forderungen : Steuersenkungen oder Lohnerhöhungen…

Am Ende der Hauptversammlung gibt es Diskussionen zwischen Arbeitern, die zum ersten Mal aktiv an einer Bewegung teilnehmen. Aber sie sind sehr wütend. Eine Frau, die ältere Menschen in ihrem Hause betreut, sagt, sie sei Revolutionärin und habe für Melanchon gestimmt. Jemand sagt, er habe für einen Arbeiter gestimmt und sie antwortet : « Ah ja, Poutou. Ich habe gezögert, aber er ist sehr gut. Er müsste uns vertreten ». Ein Arbeiter aus der Glasindustrie erzählt von allem, was er in seiner Glasfabrik erlebt hat und von den betrügerischen Manövern der Gewerkschaften, denen er zum Opfer fiel. Eines folgt dem anderen ; man tauscht Telefonnummern.

3. Dezember 2018


Eisenbahner :

Von der orangefarbenen Warnweste zur gelben Weste

Seit einigen Jahren jetzt haben sich die Eisenbahner daran gewöhnt, sich für die « Lokomotive » der verschiedenen Protestbewegungen zu halten, die breite Massen erfassen oder es versuchen. Zu Recht oder nicht… Aber ihre Teilnahme in Form von verlängerten frankreichweiten Streiks an den Protestbewegungen von 1995, 2003, 2010 und in jüngerer Zeit im Jahre 2016 gegen das Arbeitsgesetz war immer von Gewicht. Das hat den Eisenbahnern einen besonderen Platz als kämpferischem Bestandteil der Arbeiterklasse verliehen. Dies erklärt zum Teil, warum sie sich am Anfang abwartend verhalten gegenüber der Gelbwestenbewegung und nur zögerlich « auf den Zug aufspringen ». Aber zum Zeitpunkt, wo wir schreiben, fangen sie an, diese zögerliche Haltung aufzugeben. Und der Argwohn weicht der Bewunderung.

In der Woche vor dem 17. November, dem Anfangstag der Straβenblockaden und Demonstrationen der Gelbwesten, fand die Bewegung nur wenig Anklang bei den Eisenbahnern.

Die Versuche der Ultrarechten und Fabrikbosse, die Bewegung für sich zu instrumentalisieren, wirkten ernüchternd auf viele in diesem vorrangig linksgerichteten Milieu. Man stellte sich Fragen, bevor man sich einer Bewegung anschloss, auf die Marine Le Pen und Laurent Wauquiez sich beriefen – zwar nur sehr halbherzig und ohne wirklichen Einfluss auf die Gelbwesten, die ihre Aktionen an der Basis organisierten.

Die dreimonatige Mobilisierung im Frühling gegen die Eisenbahnreform hat die Teilnehmer wenn nicht entmutigt, doch irgendwie ernüchtert : vor allem wegen der finanziellen Folgen. Und dies um so mehr als die SNCF laufend Umstrukturierungen durchführt, sprich : massenweise Stellen streicht. Vor allem unter den Gewerkschaftsaktivisten war für ein paar Tage die Erbitterung spürbar. Man stellte sich dauernd die Frage : Warum sollte man diejenigen unterstützen, die während des Streiks vom vergangenen Frühling die Eisenbahner angeblich kritisierten ? Die unerwartete Retourkutsche wegen der von der Regierung und der regierungsfreundlichen Presse organisierten Diffamierungskampagne gegen die Eisenbahner… Dennoch hatte diese Diffamierungskampagne damals keinen Erfolg : Davon zeugen die zahlreichen Spenden an den Streikkassen !

Die anfänglich abwartende Haltung der Eisenbahner gegenüber der Gelbwestenbewegung wurde von den Geschäftsführungen gefördert, auch von der CGT _und Sud-Rail. Um so mehr als hochriskante Betriebswahlen zur Besetzung von Gewerkschaftssitzen vom 16. bis 22. November stattfanden. Die Erklärungen vom CGT-Boss Philippe Martinez, der die Gelbwesten der Ultrarechte gleichsetzte, haben dazu beigetragen, die Kluft zu vertiefen zwischen den Eisenbahnern, oft mit festen Arbeitsverträgen und mehr als im Durchschnitt gewerkschaftlich organisiert -und den Gelbwesten, einer Gruppierung von Beschäftigten aus dem Niedriglohnsektor, weniger gewerkschaftlich organisiert, und Beschäftigten aus kleineren Betrieben.

Orangefarbene Westen, Gelbwesten : Unser Kampf ist derselbe !

Die Entschlossenheit der Gelbwesten hat diese Hindernisse beseitigt. Sie fangen an, breite Unterstützung bei den Eisenbahnern zu finden. Der Erfolg des 17. Novembers, der Umstand, dass die Blockaden in der folgenden Woche durchhielten, die immer sichtbarer werdende Verlegenheit der Regierung : Das alles hat dazu beigetragen, dass die Diskussionen zu einer Unterstützung der Bewegung führen. Wegen dem Ökogehabe Macrons und seiner Verkehrsministerin Elisabeth Borne schlug die Stimmung in der Öffentlichkeit schlieβlich um : Diese Gauner nehmen diejenigen aus, dessen einziges Transportmittel das eigene Auto ist, nachdem sie die Schlieβung von Eisenbahnlinien oder deren Privatisierung vorangetrieben haben !

Während des vergangenen Frühlingsstreiks hatte sich eine Handvoll Aktivisten in Organisationskomitees zusammengeschlossen, um die Verbindung zwischen den einzelnen Bahnhöfen herzustellen : die so genannten «  Comités Intergares ». In der fiebrigen Stimmung von heute haben diese Aktivisten für Samstag, den 24. November zu einer Vollversammlung vor dem Bahnhof Saint-Lazare aufgerufen. Anschlieβend wollte man die Gelbwestendemonstation auf den Champs-Elysées wiedertreffen.

Die Versammlung war zahlenmäβig nur symbolisch – ein paar Dutzend Eisenbahner. Und zusammen 150 Personen, die sich ihnen angeschlossen haben. Aber mit dieser Versammlung und ihren orangefarbenen Warnwesten konnten die Eisenbahnarbeiter den Gelbwesten zeigen, dass sie sie unterstützen. Sie konnten auch an der Demonstration teilnehmen : Mit einem festgefügten Block, Parolen und einem breiten Transparent von 20 m, das im Pariser Gare de l’Est während des Frühlingsstreiks angefertigt wurde : « Lasst uns vereint Macron aus der Bahn werfen! ». Bei dieser Gelegenheit konnten die anwesenden Aktivisten die unbedeutende Anzahl vorhandener Ultrarechten vor Ort feststellen. Und die Unterstützung durch die Gelbwesten, die sie freundlich aufgenommen haben.

Transparent der Bahner - 24. November

Die Eisenbahner, die an der Demonstration vom 24. November teilgenommen hatten, kamen dabei zu der Überzeugung, dass die Gelbwesten, die jetzt das Tagesgeschehen prägen, ein Teil der Arbeiterklasse sind. Sie sind weit entfernt vom Zerrbild, das die Massenmedien, die Regierung und die Gewerkschaftsbonzen von ihnen verbreitet haben. Sie sind in den Kampf getreten. Diesen Kampf müsste man generalisieren.

Wir sind alle Gelbwesten!

In der Woche vor dem 1. Dezember waren die Gespräche unter Arbeitskollegen sehr lebhaft. Der Argwohn wich dem Willen, sich der Bewegung anzuschlieβen. Nur wusste man nicht nicht sehr gut wie. Es wurde viel diskutiert über das Schweigen der Gewerkschaftsführungen, sogar über ihre feindliche Haltung gegenüber der Gelbwestenbewegung, aber das hat – glücklicherweise - die Leute nicht überzeugt und nicht überrascht (das ist nicht das erste Mal). Schon vor dem « Dritten Akt », von dem man schon wusste, dass er erfolgreich werden würde, begannen die Leute zu sprechen : Eisenbahner, die sich regelmäβig mit den Gelbwesten bei den Straβenblockaden trafen, sprachen mit Stolz davon am Arbeitsplatz. Das sind nicht immer die Streikwilligsten, aber bei Streikbewegungen machen sie wenigstens ein bisschen mit. Umgekehrt : Die Aktivisten, die sich als Eisenbahner auf Vollversammlungen der Gelbwesten vorgestellt haben, stellten fest, dass sie freundlich aufgenommen wurden. Vorausgesetzt, dass sie nicht als gewerkschaftliche Klugscheiβer bei den Gelbwesten auftreten, die seit fast zwei Wochen ohne Unterbrechung an den Blockaden teilnehmen !

Für die Pariser Demonstration vom 1. Dezember gab es eine neue Eisenbahner-Vollversammlung auf dem Bahnhof Saint-Lazare mit dreimal mehr Kollegen als in der vorigen Woche. Die meisten Reden liefen auf dasselbe hinaus : Die Gelbwesten sind Arbeiter wie wir. Durch ihre Entschlossenheit und ihren festen Willen, ihre Forderungen durchzusetzen, ohne sich mit Verhandlungen mit der Regierung einlullen zu lassen, zeigen sie uns den Weg. Unter den Eisenbahnern, die vorhanden waren, haben einige von ihnen ihre orangefarbene Weste gegen eine gelbe getauscht : » Wir sind alle Gelbwesten ! ».

Von allen Anwesenden gab es nur einen, der vorschlug, an der Demonstration der CGT am Platz de la Republique teilzunehmen. Aber man folgte ihm nicht : Das Wichtigste geschah auf den Champs-Elysées ! Der Demonstrationszug ging das rechte Seine-Ufer entlang, Kampflieder singend und im Hagel von Tränengasgranaten. Demonstrierende Studenten gegen die Erhöhung der Immatrikulationsgebühren für Ausländer schlossen sich an (das ist die jüngste Maβnahme von Macron und seiner Freunde, die zweifellos Marine Le Pen gefallen wird), gefolgt vom Kollektiv « Wahrheit und Gerechtigkeit für Adama Traoré – die Vorstädte in gelben Westen » und von Hunderten, dann Tausenden von Demonstranten, die froh waren, eine festgefügte Gruppe hinter Transparenten zu treffen.

Und nun?

Zum Zeitpunkt, wo wir schreiben – am Tage nach der Demonstration vom 1. Dezember – kann man unmöglich Voraussagen über die weitere Entwicklung der Bewegung machen. Werden die « Gewalttätigkeiten » und ihre Inszenierung die Ausbreitung der Bewegung verhindern oder im Gegenteil wegen der sozialen Wut Anklang finden ? Wird Macron teilweise nachgeben oder einen Rückzieher vortäuschen ? Und zur gleichen Zeit die Repression verschärfen ? Wird die Jugend mit der ihr eigenen geballten Energie in den Kampf treten ?

Es ist zweifellos ganz im Interesse der Eisenbahner, sich mit ganzer Kraft dieser Revolte eines Teils der Arbeiterklasse anzuschlieβen, ohne auf irgend ein Zeichen der Gewerkschaften zu warten. Im Augenblick bewirken die Aufrufe der Gewerkschaftsbonzen nur eines : Sie isolieren die Gewerkschaftler von dieser Protestbewegung der arbeitenden Klassen gegen die zu hohen Lebenshaltungskosten, wie zum Beispiel als die CGT am Samstag, 1. Dezember, zur eigenen Demonstration in Paris aufrief.

Die Eisenbahner, ob gewerkschaftlich organisiert oder nicht, haben viel Erfahrung gesammelt : Streiks, Streikposten, Hauptversammlungen und für einige von ihnen Aktions- oder Streikkomitees. Sie könnten dazu beitragen, die Gelbwestenbewegung landesweit zu verstärken. Zuerst, indem sie den Gelbwesten bei den Blockaden und den Demonstrationen mithelfen. Und dann, sehr schnell vielleicht, indem sie bei den Diskussionen den Streikaufruf in den Betrieben, angefangen in der SNCF auf die Tagesordnung setzen, um die jetzige Bewegung zu verstärken und zu verankern.

2. Dezember 2018


Marx
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